Hamburger Sternwarte Gebäude & Teleskope - 1 Meter-Spiegelteleskop
Das 1 Meter-Spiegelteleskop der Hamburger Sternwarte zählt mit seiner
Zeiss-Entlastungsmontierung zu den ungewöhnlichsten Konstruktionen
des Fernrohrbaus. Bis 1920 und wiederum von 1946 bis 1960 war es der
Öffnung nach das größte Teleskop in Deutschland.
Von 1920 bis 1946 wurde es von
einem sehr ähnlichen 125cm Spiegelteleskop der Berliner Sternwarte in
Babelsberg übertroffen, das nach dem zweiten Weltkrieg demontiert und als
Reparationsleistung in die damalige Sowjetunion gebracht wurde (wo es
heute noch am Krim-Observatorium in Betrieb ist).
Zu Beginn des Jahrhunderts, als die Verlegung der Hamburger Sternwarte
nach Bergedorf konkrete Pläne annahm und das künftige Instrumentarium
auszuwählen war, standen die großen Refraktoren auf dem Höhepunkt ihrer
Entwicklung. Mit dem Aufkommen der Astrophysik hatten die
Spiegelteleskope jedoch eine zunehmend größere Bedeutung erlangt.
Insbesondere in der Himmelsfotografie waren sie wegen ihrer
größeren Öffnungsverhältnisse und ihrer
völligen Farbfehlerfreiheit den Refraktoren überlegen. Zwar
waren schon im 19. Jahrhundert einige Spiegelteleskope von beachtlicher
Größe entstanden (Birr Castle: 1.80m, Malta: 1.20m, Melbourne:
1.22m), doch war ihnen wegen der schweren und schlecht zu polierenden
Metallspiegel nur wenig Erfolg beschieden. Erst nachdem es L. Focault
gelungen war, die Tauglichkeit silberbeschichteter Glasspiegel für
astronomische Teleskope nachzuweisen, und vor allem dank der
hervorragenden Aufnahmen, die um die Jahrhundertwende J.E. Keeler mit dem
91cm Crossley-Reflektor des Lick-Observatoriums gewonnen hatte, trat das
Spiegelteleskop seinen Siegeszug an.
Der Hamburger 1 Meter-Spiegel war bei seiner Indienststellung 1911 das
viertgrößte Spiegelteleskop der Welt (nach Mt. Wilson: 1.52m, Paris:
1.20m, Lowell-Obs. Flagstaff: 1.07m), zumal die Metallspiegelteleskope
nicht mehr existierten oder zumindest -- wie auch A.A. Commons
1.52m-Reflektor mit Glasspiegel -- nicht mehr in Betrieb standen.
Den Auftrag für die Herstellung der optischen und mechanischen
Komponenten des Teleskops sowie der 10m-Kuppel hatte Carl Zeiss in Jena
erhalten. Die Astroabteilung von Zeiss war erst 1897 gegründet worden.
Vor dem Hamburger Instrument hatte Zeiss bis dato nur zwei mittelgroße
Spiegelteleskope nach Heidelberg (Ø 72cm) und Innsbruck (Ø 40cm)
geliefert. Der 1m-Spiegel war somit das erste große Zeiss-Teleskop.
Es war auch das erste große Teleskop, das mit einer Entlastungsmontierung
nach Fr. Meyer versehen wurde. Bei dieser Konstruktion mit ihren
charakteristischen Stangen und Gegengewichten sind die Deklinations- und
Rektaszensionsachsen hohl ausgeführt. In diesen Achsen befinden sich
starke Eisenstangen, die die Lasten von Teleskop und Gewichten aufnehmen,
während die Lager der Achsen selbst vom Gewicht entlastet sind. Auf diese
Weise konnte eine besonders exakte und reibungsarme Bewegung erzielt
werden. Tatsächlich läßt sich das 26 Tonnen schwere Instrument leicht
mit einer Hand in Bewegung setzen. Ein weiterer Vorteil war die
Durchschwenkbarkeit durch den Meridian, ohne daß hierbei -- wie bei der
Deutschen Montierung -- das Teleskop auf die andere Seite umgelegt werden
mußte.
Abgesehen vom Hamburger 1m-Spiegel wurden nur noch zwei weitere große
Spiegelteleskope mit diesem Montierungstyp gebaut: das bereits erwähnte
1.25m-Teleskop der Sternwarte Babelsberg und ein 1930 an die königlich
belgische Sternwarte in Uccle (Brüssel) gelieferter Zwilling des
Hamburger Teleskops. Tubus und Optik des belgischen Teleskops gingen im
zweiten Weltkrieg verloren, auf die Montierung wurde 1958 ein neues
84/120cm-Schmidt-Teleskop gesetzt.
Der 1Meter-Spiegel wurde als extrem lichtstarkes Newton-System mit 3m
Brennweite ausgeführt. Der Newton-Fokus war durch eine vor dem
Kuppelspalt befindliche, nach oben und unten sowie in die Kuppel hinein
bewegliche Bühne gut zugänglich. Der Komafehler war bei einer
Lichtstärke von 1:3 natürlich beträchtlich. Nur in unmittelbarer Nähe
des Plattenzentrums waren punktförmige Sternbildchen zu erzielen. Dennoch
sind Felder bis zu 2°x 2° erfolgreich untersucht worden.
Zudem konnte die Bildqualität bei Bedarf durch Abblendung mittels einer
vor dem Hauptspiegel befindlichen Irisblende auf Kosten der Lichtstärke
verbessert werden. Die Nachführkorrektur konnte wahlweise mit einem
Off-Axis-Kontrollokular im Newton-Fokus oder mit Hilfe des Leitrefraktors
von 20cm Öffnung und 3.40m Brennweite vorgenommen werden. Zusätzlich
war ein 10cm Sucher vorhanden.
Während der Rohbau des Beobachtungsgebäudes bereits 1907, die
Kuppelmontage 1909 fertig wurde, konnte das Teleskop erst Ende 1911 in
Betrieb genommen werden. Die Erprobung verlief jedoch nicht
zufriedenstellend. Zeiss mußte wegen ungleichmäßiger
Durchbiegung des 17cm dicken Hauptspiegels eine neue Spiegelfassung anfertigen. Diese Arbeiten dauerten fast ein Jahr, so daß der regelmäßige
Beobachtungsbetrieb erst Anfang 1913 aufgenommen werden konnte.
In den
ersten Jahren wurde das Teleskop hauptsächlich vom Direktor Richard
Schorr und von dem dänischen Astronomen Thiele benutzt. Bis 1920 wurden von
beiden Beobachtern über 1700 Photoplatten aufgenommen, die in erster
Linie der Suche nach und Positionsbestimmung von Kometen und Kleinplaneten
dienten. In dieser Zeit konnten mit dem 1m-Spiegel 30 neue Kleinplaneten
und ein neuer Komet (1918III Schorr) entdeckt sowie zwei periodische
Kometen wiederentdeckt werden.
Im April 1920 übernahm der junge Walter Baade das Instrument. War das
bisherige Forschungsprogramm noch weitgehend der traditionellen Astronomie
gewidmet, trat nunmehr eine stärkere Hinwendung zur Astrophysik in den
Vordergrund. Baade machte zahllose Aufnahmen von Sternhaufen, Gasnebeln
und Galaxien. Geradezu bahnbrechend waren seine Arbeiten über
veränderliche Sterne in und um Kugelsternhaufen, insbesondere M53.
Baade konnte erstmals die Existenz isolierter Sterne im galaktischen
Halo, d.h. weit
außerhalb der Milchstraßenebene, nachweisen. Er verglich die Häufigkeit
und Typen der veränderlichen Sterne in Feldern unterschiedlicher
galaktischer Breite und legte bereits hiermit die Grundlagen seiner
späteren berühmten Entdeckung der beiden verschiedenen
Sternpopulationen. Weitere Arbeiten Baades mit dem 1m-Spiegel betrafen
u.a. den Orionnebel und die Entdeckung zweier Galaxienhaufen im Großen
Bären. Kaum bekannt ist, daß es Baade bereits 1921 (und damit drei Jahre
vor Hubble auf Mt. Wilson) mit dem 1m-Spiegel gelang, drei
veränderliche Sterne in der nahen Spiralgalaxie M33 zu
identifizieren.
Da es sich jedoch nicht um Cepheiden handelte, konnte die extragalaktische
Natur von M33 mit ihnen nicht bewiesen werden. Baade hat diese
Entdeckung auch nie veröffentlicht. Daneben widmete er sich aber auch
immer wieder dem Lieblingsthema Schorrs und suchte nach Kometen und
Kleinplaneten. Hieraus resultierte neben der Wiederentdeckung von drei
periodischen Kometen auch die Neuentdeckung des Kometen 1922II Baade.
Auch eine Reihe neuer Kleinplaneten konnte entdeckt werden, darunter auch
das ungewöhnliche Objekt 944 Hidalgo, das weit außerhalb des
Planetoidengürtels zwischen Jupiter- und Saturnbahn um die Sonne kreist.
1931 verließ Walter Baade die Hamburger Sternwarte, um eine Stelle am
Mt. Wilson Observatory in Kalifornien anzutreten. Die zwölf Jahre in
seinen Händen waren die fruchtbarste Periode in der Geschichte des
1Meter-Spiegels. Bereits 1927, nach der Rückkehr von seiner ersten
Amerikareise, hatte Baade vorgeschlagen, das Teleskop in südlichere
Breiten mit günstigerem Klima zu verlegen. Dies wurde jedoch ebensowenig
realisiert wie Baades späterer Vorschlag, den 1m-Spiegel zum
Schmidt-Teleskop umzubauen.
In den folgenden Jahren nahm sich wieder R. Schorr des Instruments an, um
es für Kometen- und Kleinplanetenbeobachtungen einzusetzen. Eine
Ausnahme bildete jedoch die ausführliche Untersuchung des
Emissionslinienspektrums des Orionnebels durch Rudolf Minkowski, F. Goos
und P. Koch in den Jahren 1931 bis 1934. Hierzu war ein
Prismenspektrograph mit einer Fabry-Perot-Interferenzplatte im
Primärfokus des Teleskops montiert worden. Die weiteren
Beobachtungen bis 1939 wurden von Brüggemann, Larink, Dieckvo und Sandig
ausgeführt.
Im zweiten Weltkrieg ruhte der Beobachtungsbetrieb am 1m-Spiegel. Jedoch
reiften Pläne heran, das Gerät künftig für Sternspektroskopie zu
verwenden. Hierfür sollte ein bereits vorhandener, ursprünglich für den
Großen Refraktor beschaffter Prismenspektrograph von Zeiss Verwendung
finden, der jedoch nicht im Primär- oder Newtonfokus montiert werden
konnte. Zudem war hierfür eine längere Brennweite erforderlich, die im
allgemeinen im Cassegrain- oder Coude-Fokus realisiert wird. Mitten im
Kriege wurden daher bei den Zeiss-Werken zwei neue Hilfsspiegel in Auftrag
gegeben: ein hyperbolischer Konvexspiegel, der die Brennweite des
Teleskops auf 15m steigern sollte, und ein Planspiegel, um den
Strahlengang seitlich aus dem Tubus herauszuführen (Nasmyth-Fokus). Den
Hauptspiegel zu durchbohren, wie bei Cassegrain-Teleskopen üblich, wollte
man nachträglich nicht riskieren. 1944 wurde der große Hauptspiegel
ausgebaut und zur Anpassung der neuen Optik nach Jena geschickt. Nach der
Kapitulation war sein Schicksal zunächst ungewiß, da Thüringen anfangs
amerikanisch besetzt, dann aber der sowjetischen Besatzungszone
zugesprochen wurde. Ungeachtet dessen kam der Spiegel Weihnachten 1945
wohlbehalten in Bergedorf an, die neuen Hilfsspiegel folgten wenig
später.
Die Inbetriebnahme des Zeiss-Spektrographen erfolgte im Herbst 1947.
Dieser Prismenspektrograph weist ein eigenartiges, sehr gedrungenes Design
mit verschachteltem Lichtweg auf, um Biege-Effekte so gering wie möglich
zu halten. Durch Austausch zweier Prismenkästen mit einem bzw. drei
hintereinander angeordneten Prismen sowie durch Verwendung von
Kameraobjektiven verschiedener Brennweite konnte die Dispersion im Bereich
zwischen 8 und 72 Å/mm variiert werden. Für
Vergleichsspektren bestand die Möglichkeit, das Licht eines Eisenbogens
in den Lichtweg zu spiegeln.
Zwischen 1947 und 1972 sind mit diesem Instrument einige tausend
Sternspektren aufgenommen worden. Zu den beobachteten Objekten zählen
u.a. die Zeta-Aurigae-Systeme, Novae,
Radialgeschwindigkeits-Standardsterne, MKK-Standardsterne,
spektroskopische Doppelsterne und veränderliche Sterne. Die
unermüdlichsten Beobachter in dieser Zeit waren P. Wellmann und H.G.
Groth. Daneben spektroskopierten u.a. auch D. Labs, J. Hardorp, T.
Herczeg, M. Grewing, I. Yavuz, U. Gehlich und R. Wehmeyer mit dem
1m-Spiegel.
In den Jahren 1974 und 1975 kam ein neuer Gitterspektrograph am
1m-Spiegel zur Erprobung, der für das neue
Oskar-Lühning-Teleskop
vorgesehen war. Von 1976 bis 1978 wurde schließlich noch die einige Jahre
zuvor am Großen Refraktor begonnene optische Periodenüberwachung des
Crabnebel-Pulsars mit dem schnellen Photometer am 1m-Spiegel
fortgesetzt. In den achtziger Jahren wurde wieder der alte
Prismenspektrograph montiert und das Gerät anschließend nur noch
für Praktikumszwecke (Sonnenspektrum) verwendet.
Das 1Meter-Spiegelteleskop dürfte wohl das historisch wertvollste
Instrument der Hamburger Sternwarte sein. Zum einen gelangen mit diesem
Instrument in der Hand eines der bedeutendsten Astronomen des
20. Jahrhunderts zahlreiche aufsehenerregende Entdeckungen, zum anderen
ist es -- abgesehen von dem Umbau vom Newton- in den Nasmyth-Fokus -- noch
weitgehend im Originalzustand. Schließlich nimmt es aufgrund seiner fast
einmaligen Konstruktion auch technikgeschichtlich einen besonderen Rang
ein. Obwohl das Teleskop noch voll funktionsfähig ist, befindet es sich
in einem sehr schlechten Zustand. Zur Vermeidung weiterer
Stillstandsschäden bedarf es der dringenden Entrostung und Konservierung.
Leider gestattet es die finanzielle und personelle Situation der Hamburger
Sternwarte derzeit nicht, diese Arbeiten in nächster Zukunft in Angriff
zu nehmen.
Text und Bilder von Matthias Hünsch, historische Aufnahmen: Hamburger Sternwarte
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