Walter Baade

Gekürzter Text nach Donald E. Osterbrock The Astronomical Society of the Pacific, Mercury, July-August 2002, Volume 31 No.4, S. 32-41
Der Artikel basiert auf dem Buch von Donald E. Osterbrock "A Life in Astrophysics", Princeton University Press, 2001

Walter Baade war einer der großen Astronomen des 20. Jahrhunderts. Er eröffnete das Gebiet der Stern- und Galaxienentwicklung, das sehr zum Stand der heutigen Astronomie beigetragen hat. Bis zu seiner bedeutenden Entdeckung 1944, dass Sterne zu zwei getrennten Populationen gehören, war die Astronomie eher ein steriler Wissenschaftsbereich. Baade war glücklich, der richtige Mann am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein, und er war imstande, die Situation zu erfassen und wie kein anderer das meiste daraus zu machen.

Baade war nicht nur ein großer Wissenschaftler, sondern auch ein warmherziger Mensch, der als Deutscher in Amerika trotz zweier Weltkriege vielfach bewundert, geliebt und respektiert wurde. Er war ein hervorragender Lehrer, der behauptete nicht gern zu unterrichten aber eine Generation von Astronomen hinterließ, die er geschult und inspiriert hat. Wenn er oft als "nur" ein Beobachter angesehen wurde, war er doch ein ausgezeichneter Astrophysiker, der Zeit seines Lebens mit anderen Astrophysikern zusammenarbeitete. Sein Ziel war, das Universum zu verstehen und er hat das Verständnis dazu ein gutes Stück vorangebracht.

Baade wurde 1893 in der Kleinstadt Schröttinghausen in Nordwestdeutschland geboren. Sein Vater war Lehrer, und Walter bekam eine gründliche Ausbildung. Etwa 1905 zog die Familie nach Herford um, wo er aufs Gymnasium kam. Baade lernte Französich, Englisch, Latein und Hebräisch und ebenso Mathematik, Physik und andere Naturwissenschaften. Mit 14 Jahren entwickelte sich sein Interesse für Astronomie als er ein eigenes kleines Teleskop erhielt.

Baade studierte ein Jahr in Münster bevor er sieben Jahre (1912-19) in Göttingen war. Baade's Professoren zählten zu den besten Mathematikern und Astronomen in Deutschland, aber sie hatten keine Teleskope. Er schrieb seine Dissertation über die Umlaufbahn des spektroskopischen Doppelsterns Beta Lyrae und verwendetete dafür Platten, die sein Doktorvater Jahre vorher in Berlin aufgenommen hatte.

Baade hatte seit Geburt eine Hüftbehinderung, die das Gehen schwierig und das Laufen unmöglich machte. Die Behinderung schützte ihn vor dem Militärdienst während des Ersten Weltkrieges. 1916-18 arbeitete er in Göttingen an einem Programm zur Berbesserung der Ärodynamik von Waffen und studierte Astronomie, wenn immer er konnte. Er las gierig alle Fachzeitschriften und wollte nach seiner Promotion 1919 nach Amerika, um an den großen Mount Wilson Teleskopen zu arbeiten. Aber das war nach dem Krieg für einen Deutschen unmöglich.

Stattdessen bekam Baade eine Anstellung an der Hamburger Sternwarte , deren 1m-Spiegel damals der größte in Europa war. Er wurde schnell ein Experte als Beobachter. Der Direktor der Sternwarte, Richard Schorr, überließ bald Baade alle Beobachtungen. Als traditioneller Positionsastronom verlangte Schorr von Baade photografische Aufnahmen von Asteroiden und Kometen, um Positionen abzuleiten, Novae und Variable, um Lichtkurven zu erhalten. Baade erfüllte diese Aufgaben hervorragend und Schorr überließ ihm eigene Forschungen an Sternhaufen, Nebeln und Galaxien. Eine von Baade's bedeutenden Entdeckungen war, dass RR Lyrae Variable außerhalb von Sternhaufen vorkommen und zwar in allen Richtungen unabhängig von der galaktischen Ebene. Baade entwickelte das Konzept der Halopopulation von Sternhaufen.

1925 besuchten Baade und Schorr die USA für 10 Tage während einer Sonnenfinsternisreise. Sie trafen Harlow Shapley in Harvard und besuchten verschiedene andere Observatorien. Shapley verhalf Baade zu einem Rockefeller-Stipendium für einen Amerikaaufenthalt von 1926 bis 27. Während dieser Zeit arbeitete er in Harvard, Yerkes, Lick, aber überwiegend in Mount Wilson hautsächlich an Sternhaufen und ein wenig an Spiralgalaxien. Viel wichtiger war, dass Baade mit vielen amerikanischen Astronomen zusammentraf, die ihn persönlich und als Forscher bewunderten.

Bei seiner Rückkehr nach Hamburg wurde er zum Hauptobservator ernannt, nach der Tradition die Stelle für den Nachfolger des Direktors. Dazu erhielt er die Habilitation als Hochschullehrer. Seine Antrittsvorlesung im Januar 1929 hielt er über "Die extragalaktischen Nebel als Sternsysteme, das Hauptthema seiner zukünftigen Forschungen in Amerika. Im selben Jahr heiratete Baade Johanna Bohlmann, genannt Muschi, die als technische Assistentin an der Hamburger Sternwarte arbeitete. Sie hatten nie Kinder, später in Amerika einen Hund mit Namen Li.

1929 entsandte Schorr Baade und Bernhard Schmidt , den außergewöhnlichen Optiker zur Beobachtung einer Sonnenfinsternis auf den Philippinen. Die Seereise dauerte fünf Monate, während denen Baade sich mit Schmidt viel über ein verzeichnungsfreies Weitwinkel-Spiegelteleskop unterhielt. Am Jahresende hatte Schmidt sein bahnbrechendes Konzept mit einer dünnen Korrektorplatte aus Glas am Strahleneingang zu einem sphärischen Spiegel. Ende 1930 hatte Schmidt seinen ersten Schmidtspiegel hergestellt, getestet und vorgeführt.

1931 erhielt Baade ein Angebot für eine feste Stelle am Mount Wilson Observatorium, das er sofort annahm. Baade brachte die Idee der Schmidtkamera mit und war von Anfang an eingebunden, um einen 18 inch Schmidtspiegel zu bauen und auf dem Mount Palomar aufzustellen und einen 48 inch Schmidt zu planen, der mit dem 200 inch Hale Reflektor benutzt werden sollte. Sternhaufeb und Galaxien beobachtete Baade mit dem 100 inch Spiegel von Mount Wilson. (Schorr hat versucht, Baade als seinen Nachfolger als Direktor der Hamburger Sternwarte nach Bergedorf zu holen, doch Baade blieb in Amerika, um an den weit größen Teleskopen arbeiten zu können)

Weil er noch deutscher Staatsbürger war, war er ein feindlicher Ausländer während des 2. Weltkrieges und war ausgeschlossen von Programmen für die Waffenentwicklung, an denen fast alle Mount Wilson Astronomen arbeiteten. Während der Kriegsjahre hatte er jedoch fast unbegrenzte Beobachtungszeit am 100 inch Teleskop von Mount Wilson und dunklen Nachthimmel beim Beobachten. Er benutzte rotempfindliche Platten und experimentierte lange mit Infrarot- und gelb-emfindliche Platten. Sobald das 200 inch Hale Teleskop 1949 in Benutzung ging, wurde Baade der häufigste Beobachter.

Baades berühmtestes Ergebnis, Gegenstand langer Artikel in der New York Times, Time Magazine und anderer Publikationen in großer Auflage, war die Verdoppelung des Entfernungsmassstabs im Universum, was automatisch auch die Verdoppelung des Alters bedeutet. Für Baade war das Resultat nur ein weiterer Teil in seinem Programm um Galaxien zu verstehen.

Ab 1952 war Baade viel auf Reisen zu Tagungen, hielt Vorlesungen und Kolloquien. 1955 machte er eine Triumphtour durch Europa.

Baade betrachtete sich immer als Deutscher und Europäer; er liebte sein Heimatland und insbesondere Westfahlen, wo er geboren ist. Baade war der europäische Astronom mit den meisten Erfahrungen an Großteleskopen. Er und Jaan H. Oort, die beiden führenden Forscher der Nachkriegsjahre für Galaxien und Populationen diskutierten seit 1952 die Idee einer Europäischen Südsternwarte. Und obwohl Baade nie ein offizelles Mitglied eines ESO-Kommitees war, war sein Rat gefragt.

Baade kehrte 1959 gans nach Deutschland zurück, um in der Nähe von Göttingen zu wohnen und im Ruhestand noch etliche Veröffentlichungen herauszubringen. Doch seine Behinderung machte ihm zusehends Probleme. Er verstarb ziemlich plötzlich nach einer Operation im Januar 1960.