Astron. Nachr. Bd. 28o. S 145-147

RICHARD SCHORR

Von A. Schwassmann, Hamburg-Bergedorf

Am 21. September 1951 ist der frühere langjährige Direktor der Hamburger Sternwarte, Professor Dr. Richard Schorr, in Bad Gastein,wo er sooft die Quelle frischer Lebenskraft suchte und fand, in seinem 85. Lebensjahre einein Herzschlag erlegen. Damit ist ein von starkem Willen und großem, gesunden Optimismus getragenes, von reichen Erfolgen erfülltes Leben unerwartet rasch zu Ende gegangen. Seine Ruhestätte fand der Heimpgangene am 27. September im Sachsenwald, ganz nahe seiner Wohnung seit dem Sommer 1938 in Aumühle bei Bergedorf.
Seinem Gedenken seien die folgenden Zeilen gewidmet:

Am 20. August 1867 als Sohn des Rechnungsrats Reinhard Schorr in Kassel geboren, verlebte er daselbst seine ganzen Jugendjahre. Er war schon als Schüler des dortigen Realgymnasiums beseelt von dem Wunsche, Astronom zu werden, und studiorte deshalb auf den Universitäten Berlin und München Mathematik und Astronomie. Im Jahre 1889 promovierte or als Schüler Hugo von Seeligers mit einer Doktorarbeit über die Bewegungsverhältnisse im dreifachen Sternsystern Xi Scorpii. Nach kurzen Assistentenjahren an den Sternwarten Kiel, Hamburg und Karlsruhe sowie am Astronomischen Recheninstitut in Berlin wurde er schon in seinem 25. Lebensjahre - am 1. Mai 1892 - zum Observator an der Hamburger Sternwarte ernannt, die damals unter der Leitung von George Rümker stand. Infolge des großen Vertrauens, das er sich bereits binnen weniger Jahre in den maßgebenden Kreisen Hamburgs erworben hatte, wurde er nach dessen Tode im Jahre 1899 zum stellvertretenden Leiter und am 1. Januar 1902 zum Direktor der Hamburger Sternwarte erwähltt. Dadurch verwuchs sein Leben ganz mit dieser Arbeitsstätte, um deren Förderung er über seine Emeritierung im Jahre 1935 und seinen Eintritt in den Ruhestand im Jahre 1941 hinaus, fast 60 Jahre lang, bis zu seinem letzten Lebenstage bemüht gewesen ist.

Mit außergewöhnlichem Organisationstalent begabt und aus innerem Bedürfnis stets bemüht, jede Unternehmung weitschauend vorzubereiten und mit äußerster Sorgfalt durchzuführen, war er der richtige Mann, die ihm unterstellte Sternwarte, die, mitten im Dunste der GroBstadt gelegen, mit den Schwesteranstalten Deutschlands und der Welt nicht mehr Schritt zu halten vermochte, durch eine Verlegung und eine Erweiterung ihres Instrumentenbestandes großzügig umzugestalten und ihr auf die Dauer eine f0hrende Stellung zu gewährleisten. Seiner Weltgewandtheit und klaren Zielsetzung gelang es, die führenden Männer der großen Handels- und Schiffahrtsstadt, namentlich die Bürgermeister Dr. Hachmann, Dr. Petersen und Dr. von Melle nicht nur für sein Projekt zu gewinnen, sondern sich auch ihre dauernde Unterstützung für alle seine Unternehmungen zu sichern. Obwohl seine Interessen in erster Linie den Aufgaben der Astrometrie, der Bestimmung der Örter und Bewegungen der Sterne, galt, suchte er doch vor allem der auf dem freien Bergedorfer Geestrücken zu errichtenden Sternwarte die Möglichkeit der Mitarbeit auf dem damals neu erschlossenen Gebiete der Astrophysik zu verschaffen. Nach einer Informationsreise zu eigenem Studium der großen Sternwarten und mechanisch-optischen Werkstätten Großbritanniens und des in Uccle neu erbauten Brüsseler Observatoriums, entschloss er sich, unter Mitwirkllng der berühmten Hamburger feinmechanischen Werkstätte von Hans und Oscar Repsold sowie des Münchener Optikers Rudolf Steinheil, einerseits und der großen Jenaer Carl-Zeiss-Werke, vertreten durch den Instrumentenbauer Franz Meyer und den Optiker Max Pauly andererseits, die neue Sternwarte für astrometrische Aufgaben mit einem zu visuellen und photographischen Arbeiten brauchbaren 60cm-Refraktor von 9m Brennweite und einem neuzeitlich eingerichteten 19cm-Meridiankreis, und für astrophysikalische Arbeiten mit einem besonders lichtstarken Spiegelteleskop von 1m Durchmesser sowie einem mit Objektivprisma ausgerüsteten Astrographen mit lang- und kurzbrennweitigen Objektiven neu auszustatten. Für die Stiftung des letzteren war es ihm gelungen, den für die astronomische Forschung begeisterten. Hamburger Kaufmann Eduard Lippert zu gewinnen. - Im Frühjahr 1906 wurde der Neubau begonnen; drei Jahre später konnte die Übersiedlung in die Wege geleitet werden, und im Früjahr 1912 stand die neue Sternwarte mit ihrem gesamten Instrumentarium zur feierlichen Einweihung bereit.

Leider behinderte der bald darauf ausbrechende Weltkrieg in den nächsten Jahren die volle Entfaltung der wissenschaftlichen Ausnutzung des neuen Observatoriums. Aber die von Professor Schorr mit besonderem Eifer und Geschick geschaffenen Anlagen für die Verfeinerung der astronomischen Zeitbestimmung und die mechanisierte Ausgabe der genauen Zeit konnte sogleich ihre praktisch wichtigen Dienste in Stadt und Hafen leisten. Die von ihm eingeführten elektrischen Lichtzeitsignale waren allen Schiffen von ihren Liegeplätzen im Hafen aus unmittelbar zugänglich gemacht, und sein telephonisches Zeitsignal ermöglichte es allen Chronometermachern Hamburgs und sogar des ganzen Reiches, nach beliebigem Bedarf im Besitze der genauen Zeit zu sein. Auch die Überwachung der Funkzeitsignale von Norddeich und Paris zur internationalen Zeitausgleichung im Sinne Wilhelm Försters wurde von Professor Schorr im Jahre 1911 und die automatische Ausgabe drahtloser Zeitsignale nach dem Onogosystem über die Funkstation Nauen im Jahre 1917 eingerichtet.

Nach Vollendung der neuen Sternwarte ergab sich dem Heimgegangenen die langersehnte Möglichkeit, sich seiner zweiten Hauptlebensaufgabe der Förderung unserer Kenntnis von den Bewegungen der Sterne, ganz zu widmen. Er veröffentlichte zunächst die Neureduktion der von seinem einstigen Vorgänger Charles Rümker in den Jahren 1830 bis 1850 am alten Hamburger Repsoldschen Meridiankreis ausgeführten Beobachtungen von rund 18 000 Sternen, eine Arbeit, die er während der Neubaujahre hatte ausführen lassen, und sammelte dann alle bisher ermittelten Eigenbewegungen von Sternen des Nord- und Südhimmels. Anschließend ließ er aus 281 Sternverzeichnissen alle während der Jahre 1900 bis 1925 beobachteten Sternörtern zusammentragen - rund 365 000 an der Zahl - und setzte damit das große von Arthur Auwers und Friedrich Ristenpart begonnene Werk der bis zum Jahre 1900 reichenden "Geschichte des Fixsternhimmels" fort. Auf Grund des umfangreichen neuen Materials war es möglich, die Eigenbewegungen von vielen tausend Sternen neu zu bestimmen und von insgesamt 94 731 Sternen des ganzen Himmels zusammenzustellen. Die Frucht aller dieser Arbeiten legte er in zwei umfangreichen Werken nieder, dem "Indexkatalog" und dem "Eigenbewegungslexikon", die er dank der emsigen Tätigkeit seiner treuen Mitarbeiter W. Kruse, C. Vick und B. Imgart 1928 und 1936 zur Veröffentlichung bringen konnte

Den Höhepunkt seines Schaffens aber bildete die Mitanregung, Förderung und Durchführung des großen Unternehmens der Neubeobachtung aller Sterne des nördlichen Himmels bis zur 9. Größe deren Örter rund ein halbes Jahrhundert zuvor auf Veranlassung der Astronomischen Gesellschaft an den Meridiankreisen einer großen Reihe in- und ausländischer Observatorien bestimnit waren. Jetzt kam für diese Arbeit nur die Anwendung photographischer Methoden in Frage bei Beschränkung der Meridiankreisbeobachtungen auf die nötigen Anhaltsterne. In Zusammenarbeit mit den Sternwarten Berlin Babelsberg, Bonn und Pulkovo führte SCHORR diese uimfangreiche Arbeit in den zwanziger Jahren durch. An der Hamburger Sternwarte in Bergedorf ließ er ail einem besonders dafür geschaffenen Astrographen den nördlichen I Himmel vom Pot bis zu 20 Grad nördlicher Deklination zweifach photogaphisch aufnehmen und mit Messapparaten vermessen, die nach seinen Angaben in der Sternwarten-Werkstatt dafür gebaut waren. Die Beobachtung aller Anhaltsterne zwischen dem Nordpol Lind 5Grad südlicher Deklination geschah am neuen Bergedorfer Meridiankreis durch F. Dolberg und J. Larink, gleichzeitig mit Beobachtungen an den Sternwarten Berlin-Babelsberg, Bonn, Breslau, Heidelberg, Leipzig und Pulkovo. Die Überwachung der Arbeiten für die photographischen Ortsbestimmungen lag in den Händen von W. Kruse und J. v.d.Heide.

Das Ergebnis dieser Arbeiten wird in den ersten zehn Bänden des "Zweiten Katalogs der Astronomischen Gesellschaft" niedergelegt sein, deren, Fertigstellung für die Drucklegung Schorr noch in seinem letzten Lebensjahre überwachte. Denn ersten Band mit dem ausführlichen Bericht über Anlage und Durchführung des Unternehmens konnte er noch am 24. August 1951 der Versammlung der Astronomischen Gesellschaft in Recklinghausen, in auch äußerlich gediegener Form, wie er es bei allem für erstrebenswert hielt, vorlegen.

In Würdigung seiner Verdienste um die Förderung unserer Kenntnisse der Sternörter und ihrer Veränderungen wurde ihm von der Berliner Akademie der Wissenschaften im Jahre 1941 die bis dahin nur einmal vergebene BRADLEY-Medaille verliehen.

Neben dieser umfangreichen Tätigkeit fand or nicht nur noch Zeit, reich ausgerüstete Expeditionen zur Beobachtung totaler Sonnenfinsternisse nach Algerian, Turkestan, der Krim, Mexiko und Nordschweden zu unternehmen und gelegentlich der auf dem Atlantik sichtbaren Finsternis von 1925 die östlichen Observatorien der Vereinigten Staaten Nordamerikas zu besuchen, sondern er führte auch laufend eine rege Vorlesungstätigkeit durch, bis zum Jahre 1919 im Rahmen des Hamburgischen Vorlesungswesens und am Kolonialinstitut, dann als Ordinarius für Astronomie an der neuen Universität, um deren Organisation er sich dank seiner "Gewandtheit, Klugheit und seines juristischen Scharfsinns" anerkannter Weise außerordentliche Verdienste erworben hat. - Zudem entfaltete er viele Jahre hindurch am großen Spiegelteleskop eine eifrige Beobachtungstätigkeit zur Verfolgung lichtschwacher kleiner Planeten und Kometen. Eine Reihe neuer Planetoiden und der Komet 1918 III, der seinen Namen erhalten hat, wurden dabei von ihm entdeckt.

Immer blieb er unentwegt bemüht, die Einrichtung seines Observatoriums zeitentsprechend - namentlich durch Beschaffung astrophysikalischer Hilfsapparate - zu vermehren und für die Zukunft leistungsfähig zu erhalten. Hierzu gehört vor allem auch die freie Bindung des jetzt weltbekannten Optikers Bernhard Schmidt an die Sternwarte.Schorr holte ihn aus Mittweida nach Bergedorf, übertrug ihm optische Arbeiten und gab ihm die Möglichkeit, auf der Sternwarte in einem eigenen Werkstattsraum Spiegel zu schleifen und ihre Güte am Himmel zu erproben. Insbesondere unterstützte er ihn weitgehend in der Durchführung seiner genialen Ideen über die Anwendung spärischer statt parabolischer Spiegel in Verbindung mit einer Korrektionsplatte zur Beseitigung der sphärischen Aberrationsfehler und veranlasste ihn zur Herstellung zunächst eines kleinen komafreien Spiegelfernrohrs von größter Lichtstärke. Die Leistungen dieses Instruments waren so groß, dass Schorr sich entschloss, ihm durch Veröffentlichung derselben die Anerkennung der astronomischen Fachgenossen zu verschaffen. Die Beschaffung eines großen Schmidt-Spiegelteleskops wurde von Professor Schorr noch vor Eintritt in den Ruhestand beim Hamburgischen Staate mit großer Energie betrieben. Dieser Plan hat aber erst nach Überwindung der durch die Geschehnisse des letzten Jahrzehnts entstandenun Schwierigkeiten in neuester Zeit seine Verwirklichung gefunden. Die Grundsteinlegung für den Neubau am 23. Oktober war zugleich eine Gedenkfeier für Schorr.

Die vielen Freunde, die Richard Schorr sich als Wissenschaftler wie als Mensch in aller Welt erworben hat, werden ihn sehr vermissen und sein Andenken hoch in Ehren halten. Alle, die das Glück hatten, unter ihm zu arbeiten, empfinden seinen Verlust fast wie den eines Vaters, der ihnen treusorgend mit Rat und Tat zur Seite stand. Weit mehr noch haben seine nächsten Angehörigen, seine Gattin und die vier Söhne und drei Töchter, denen seine ganze Liebe galt, durch den Heimgang dieses aufrechten und lebenstüchtigen Mannes verloren.