An verschiedenen großen Observatorien auf der nördlichen und südlichen Halbkugel der Erde hat man inzwischen mit Schmidtspiegeln den gesamten Himmel mehrfach photografiert und die Astronomen haben in den letzten 50 Jahren bei der Auswertung der Aufnahmen unendlich viele Erkenntnisse gewonnen. Der Erfinder Bernhard Schmidt, der seine erfolgreichsten Jahre an der Hamburger Sternwarte in Bergedorf zubrachte, blieb lange vergessen. In Amerika erschien nun ein Buch von Donald E. Osterbrock über Walter Baade und in Hamburg eine Dissertation von Barbara Dufner über Bernhard Schmidt, die bald gedruckt vorliegen wird. Walter Baade und Bernhard Schmidt kamen nach ihrer Ausbildung an die Hamburger Sternwarte. Der Astronom und der Optiker erkannten die Anforderungen an die Himmelfotografie und beiden gelang ein Durchbruch. Der folgende Artikel Wachmanns basiert auf einen Vortrag, den er zur Einweihung des Hamburger Schmidtspiegels in Bergedorf hielt:

Sterne und Weltraum 1962/2, 28-32

Das Leben des Optikers Bernhard Schmidt

geb. 3 0. 3.1879, gest. 1. 12.1935

ARTHUR ARNO WACHMANN

Schon wird über das Leben Bernhard Schmidts legendär berichtet; es gibt ja auch bis heute keine authentische Biographie dieses großen Optikers. Wir freuen uns deshalb, dass unser Autor, Abteilungsleiter und Hauptobservator der Hamburger Sternwarte, einer derwenigen,denenesgestattet war, B. Schmidts Werkstatt zu betreten und "schweigend und rauchend" zuzuschauen, uns diesen Beitrag zur Verfügung stellte. Es ist, bis auf wenige Anderungen, der Vortrag' den der Autor am 19. August 1955 bei der Einweihung des Großen Schmidt-Spiegels der Hamburger-Sternwarte gehalten hat.

Wollte man ein Bild BERNHARD VOLDEMAR SCHMIDTs aufzeigen, so wie ihn zu seinen Lebzeiten die Menschen sahen und vielleicht auch sehen mussten, es wäre ein Zerrbild dessen, was BERNHARD SCHMIDT als optischer Künstler wie als Mensch wirklich gewesen ist. Zogen ihn auch zu gewissen Zeiten diese Menschen an - und es sind deren nicht wenige, die da meinen, ihn kennengelernt zu haben - im Grunde seines Herzens lehnte er sie ab. "Nur ein Mann ist was wert, sind ein paar beisammen, gibt es Streit. Unter Hunderten ist schon Gesindel, und werden es gar Tausende und mehr, dann fangen sie einen neuen Krieg an." Das war wörtlich wiedergegeben seine Einstellung zu den Menschen.

Aus dieser Einstellung heraus resultierte ein etwas absonderlicher, wortkarger und verschlossener Mensch, mit einer mitunter sogar unverbindlichen und unzugänglichen Wesensart, der als Mann allein dem Leben gegenüber stand und es auf seine Art meisterte. So erklärt sich aber auch, dass praktisch keine zusammenhängenden Aufzeichnungen von ihm vorhanden sind und dass er seine zur höchsten Vollkommenheit ausgebildete Kunst der Fertigung optischer Instrumente nicht durch persönliche Unterweisung an andere vererbt hat. Wiederholten Aufforderungen, seine Erfahrungen schriftlich niederzulegen und damit der Nachwelt zu erhalten, begegnete er: "Lasst doch die anderen die gleichen Erfahrungen sammeln. Wenn ich meine niederschreibe, dann ist das für die Astronomen und Optiker so niederschmetternd, dass ich in Zukunft wohl keinerlei Aufträge zu erwarten hätte.'

War er schon in diesen, seine Arbeitsweise und vielfachen Erfindungen betreffenden Dingen wenig mitteilsam, umso weniger war er es in Dingen, die seine Jugend und seinen Werdegang betrafen. Sagt selbst sein noch lebender Bruder in Erinnerung an die gemeinsame Jugendzeit im "Jaans ställi" seinem Geburtshaus auf der estnischen Insel NARGEN: "He was a man of very very few words. In his youth amongst the other children he was rather shy, often in thoughts, but allways busy with something interesting." Dies ist wohl auch der Grund dafür, dass sich um seine Persönlichkeit von so hart geprägter Eigenart in den 26 Jahren seit seinem Tode ein Kranz von Legenden und Anekdoten gebildet hat, die, das allerdings wollen wir ihnen zugute halten, oftmals mehr vom Wesen und Charakter eines Menschen festzuhalten vermögen als lange Biographien.

Es ist auch nicht meine Aufgabe, eine solche vollständig zu vermitteln, obwohl den ganzen Lebensweg eines völlig aus eigener Kraft zu so hoher Bedeutung gelangten Mannes kennen zu lernen sicher großem Interesse begegnen würde. Uns Astronomen liegt eher die Frage am Herzen, wann wohl BERNHARD SCHMIDT mit der Herstellung astrortomischer Optiken begonnen haben dürfte. Die rührende Erzählung, wie er auf seine Hematinsel angeschwemmte Flaschenböden mit Meeressand zu Linsen schliff, ist zu schön erfunden, um wahr zu sein. Es ist aber durchaus möglich, dass nach seinem missglückten Sprengstoffversuch, der ihm den Verlust des rechten Unterarmes einbrachte, er in der Schiffsrettungsgeselschaft Revals, bei der er 1895 im Alter von 16, Jahren des Nachts den Telegraphendienst versah, die Muse für seine astronornischen und optischen Neigungen fand. Er muss jedwede freie Zeit für diese Zwecke genutzt haben; zitiert doch eine allerdings längst verblichene Zeitschrift, die ASTRONOMISCHE RUNDSCHAU, mehrfach seinen Namen. Erheiternd im Hinblick auf die große Bedeutung, die SCHMIDT einmal für die astronomische Optik erringen sollte, wirkt ein Rat des Herausgebers dieser Zeitschrift: "Besser Sie kaufen sich ein ordentliches Objektiv, da schon ein zweizölliges mehr leistet als Ihr fünfzölliges." Immerhin haben wir Berechtigung zu der Annahme, dass dieser Fünfzöller sein erstes selbstgebautes Fernrohr war; sicher ist, dass BERNHARD SCHMIDT schon in diesen Jahren eifrig den Himmel beobachtete, da er in der gleichen Zeitschrift mehrfach als Beobachter genannt und als einer der vielen Entdecker der berühmten Nova Persei 1901 angeführt wird.

Planmäßig begann SCHMIDT den Schliff zunächst nur kleiner Spiegel Ende 1901 in Mittweida (Sachsen), wo er nach einem kurzen Besuch des Chalmers Institutes in Gotenburg (Schweden) einige Semester Ingenieurwissenschaft studierte. Betreibt man jedoch den Schliff von Spiegeln in einer Studentenbude und noch dazu auf einer polierten Kornmode einer ansonsten freundlichen Wirtin, dann kann eine solche Verunglimpfung eines Möbels nur eine Katastrophe im Gefolge haben. Er wurde hinausgeworfen. So musste nach und nach zunächst in Bretterbuden und dann in unbenutzten Kegelbahnen etwas entstehen, was als eine Art OPTISCHE WERKSTATT BERNHARD SCHMIDT angesprochen werden konnte. Nicht weit davon entfernt errichtete er sich einen Beobachtungsstand. Der Weg zu diesem führte mitten [Die "Optische Werkstatt Bernhard Schmidt" in Mittweida. Hier entstanden Schmidts erste Parabolspiegel, die ihn Bei den Amateuren bekannt machten.]

durch das Restaurant LINDENGARTEN. Schmidts heute hochbetagte LINDENWIRTIN schrieb mir: "Er benützte unser Lokal Tag und Nacht und konnte da schnell mal wieder rausgehen und beobachten und forderte: "Stellt mir eine Flasche guten Korn hin und wenn ich mir im Vorbeigehen einen ausschütte, dann mache ich einen Strich auf dem Bierdeckel. So sind wir gut mit ihm ausgekommen." ... BERNHARD SCHMIDT aber nannte das "eine Erhöhung seines Arbeitspotentials".

Hier in dieser Werkstatt entstanden Parabolspiegel, die seinen Namen in Amateurkreisen bekannt machten. In einer Zeit des Zweikampfes zwischen Refraktor und Reflektor lesen wir in einer Zeitschrift des Jahres 1903: "Herr Schmidt versuchte neuerdings die Schleifarbeit auch bei den Spiegeln dem Gebiet des willkürlichen Versuchens zu entreißen und durch systematisch mathematischtechnisches Arbeiten von vornherein ein Paraboloid zu erzeugen. Dieser Versuch ist ihm mit fast mathematischer Zuverlässigkeit gelungen. Allerdings muss die Spiegelfläche mindestens doppelt so genau ausgeführt sein, da ein kleiner Flächenfehler etwa dreimal stärker wirkt als beim Objektiv. Hieraus dürfte sich erklären, warum bisher so wenig gute Spiegel in die Hände der Astronomen gekommen sind." Und an anderer Stelle: "Der Künstler Bernhard Schmidt führte gewissermaßen einen Gewaltstreich aus, indem er einem Spiegel das fabelhafte öffnungsverhältnis 1:5 gab. Ihm gebührt uneingeschränktes Lob, wenn er einem so kurzen Reflektor eine solche Vollkommenheit zu geben vermochte".

Erfreuten sich Schmidtsche Parabolspiegel bei den Amateuren großer Beliebtheit, bei den Berufsastronomen bedurfte es hierzu eines Anstoßes seitens SCHMIDTS. So schrieb er am 29. Mai 1904 an das astrophysikalische Observatorium zu Potsdam: "Erlaube mir die Anfrage, ob ihr vielleicht für Spiegelteleskope interessiren, ich würde gern einen Spiegel zu selbstkosten für die Sternwarte liefern, möchte im eigenen interesse mal sehen, was sich mit einem Spiegel fotografiren lässt, wenn es montirt ist."

Aus dieser ersten Fühlungnahme mit Astronomen entwickelte sich dann eine enge Beziehung zur Potsdamer Sternwarte, da sowohl VOGEL wie SCHWARZSCHILD, die seinerzeitigen Direktoren, sofort seine geniale Kunstfertigkeit in der Herstellung optischer Flächen erkannten, wie aus dem vollständig erhaltenen Briefwechsel hervorgeht. So entstanden aus seiner Hand eine Reihe von Spiegeln bis hinauf zu 1:2,5 deren Leistungsfähigkeit in der Literatur eingehend hervorgehoben wurde und über die VOGEL an SCHMIDT schreibt: "Ich freue mich, dass Sie die gestellten Bedingungen in so vollkommener Weise erfüllten."

In diesem Briefwechsel findet sich eine Fülle interessanten Materials über neue Schleifmethoden, Prüfung exakter Planflächen mittels Interferenzstreifen und eigene Anschauungen über die Technische Konstante, auf die näher einzugehen wir uns hier versagen müssen. Desgleichen die Geschichte der großen Potsdamer Objektive, von denen das 50-cm-Objektiv nach SCHWARZSCHILDs eigenen Worten von SCHMIDT "aus einem schlechten in ein vorzügliches" verwandelt wurde. STEINHEILs, längerer Hebelarm bei Ministerien aber hinderte [Bernhard Schmidt beim Prüfen einer Optik seiner Werkstatt auf der Hamburger Sternwai im Jahre 1928.]

Schmidt daran, trotz des vollen Einsatzes SCHWARZSCHILDS für den Künstler BERNHARD SCHMIDT auch das große 80-cm-Objektiv in ein vorzügliches zu verwandeln. So schreibt SCHWARZSCHILD in seiner markanten und treffend charakterisierenden Art: "Nur ein besonderes Künstlertum kann einen nochmaligen Fortschritt an dem 8O-cm-Objektiv zuwege bringen. Das Vertrauen des Unterzeichneten zu der Qualität von Schmidts Arbeit beruht, abgesehen von diesen Tatsachen auch noch auf der persönlichen Kenntnis seiner außerordentlich klaren Einsicht in die mathematisch-physikalischen Prinzipien der Ferrtrohroptik, die er sich wesentlich als Autodidakt zu verschaffen gewusst hat. Außerdem besteht eine viel größere Aussicht auf rasche Vollendung der Arbeit. Es liegt dies wohl daran, dass Herr Schinidt ein unabhängiger Mann ist, der mit seiner ganzen Persönlichkeit in der Arbeit auf geht, die er ohne fremde Hilfe ausführt. Objektive sind Kunstwerke und man vergleicht sie am besten mit Kunstwerken. Derselbe Unterschied wie zwischen einem Bild von Rembrandt und einem Bild aus der Schule Rernbrandts besteht zwischen einem Objektiv, das von einem Künstler gemacht ist und einem das aus einer Werkstatt hervorgegangen ist." Ein allzu kurzsichtiges Ministerium verschloss sich diesen Worten und entschied gegen den Künstler.

Die fruchtbaren Beziehungen zu Potsdam brachen ab mit der übertragung des Umschliffs an STEINHEIL im Jahre 1913, zum Nachteil für dieses Objektiv und mit der vorübergehenden Internierung SCHMITDS als feindlicher Ausländer im ersten Weltkrieg. Lassen Sie mich an dieser Stelle der Legende von der deutschen Abstammung entgegentreten, der man in allen in- und ausländischen Darstellungen über SCHMIDT begegnet. Der im Deutschen nicht ganz ungewöhnliche Name "Schmidt" wurde von einem Ahn BERNHARD SCHMIDTS, MATTS, angenommen zu einer Zeit, als die Deutschbalten im estnischen Land eine Art Oberschicht bildeten und als es als angebracht galt, sich einen solchen Namen zuzulegen. So wurde aus dem Esten MATTS wohl ein SCHMIDT, aber niemals ein Deutscher.

Mit griminigem Humor erzählte SCHMID gelegentlich von seinen Kriegserlebnissen im Lager und später unter Polizeikontrolle in Mittweida, da sein Steckenpferd, die Horizontal-Spiegelanlage im Verdacht stand, nicht dem eigentlichen Zweck friedlicher astronomischer Forschung zu dienen, sondern der Abgabe von Blinkzeichen für russische Flieger. Dieser Horizontal-Spiegelanlage, bestehend aus einem Uranostaten, angetrieben durch ein eigens für seine Zwecke ersonnenes, ebenso sinnreiches wie verblüffend einfaches hydraulisches Uhrwerk und Parabolspiegeln von 11 bis 31 in Brennweiten, galt seine ganze Liebe bis in die letzte Zeit seines Schaffens.

Eine große Fülle einzigartig schöner Aufnahmen von Sonne, Mond und Planeten zeugen nicht nur von der Güte seiner Spiegelkonstruktion, sondern auch von der hohen Beobachtungskunst SCHMIDTS, wozu ihn seine ungewöhnliche Ausdauer und seine guten Kenntnisse der atmosphärischen Bedingungen besonders befähigten. Durch einen ungewöhnlichen, weil einmaligen Kunstgriff aber, nämlich einer barbarisch anmutenden Deformierung der optischen Fläche mittels Schraubendrucks, beseitigte er dabei den infolge Schrägstellung des Spiegels auftretenden Astigmatismus für die Plattenmitte vollständig. Die Wirkungsweise seines Uranostaten legte er in einer Arbeit nieder: Beschreibung zur K , onstruktion der Spiegelnormalbahn, die es am Himmelsgewölbe beschreibt, bei Benutzung eines Einspiegel-Heliostaten mit einer Drehungsachse und Nord-Süd Horizontalaufstellung."

Dieses Horizontalspiegelsystem sollte ihm eine Bekanntschaft, und man kann sagen eine "väterliche" Betreuung, vermitteln, die ausschlaggebend für seine Weiterentwicklung und seine große Erfindung gewesen ist. Auch hier ging die Initiative gleichfalls von SCHmIDT aus. Am 12. März 1916 schreibt er an den seinerzeitigen Direktor der Hamburger Sternwarte Prof. ScHoRR: "Beifolgend erlaube ich mir, einige Astroaufnahmen zu senden, die ich hier in Mittweida in letzter Zeit gemacht habe." Nach einer kurzen Beschreibung seines Spiegelsystems fährt er fort: "Auch erlaube ich mir anzufragen, ob Sie vielleicht AstroOptik zum Verbessern haben, alte Objektive oder dergleichen. Ich kann jetzt an Objektiven technische Konstanten bis o.i willkürlich beibringen. Sollten Sie näheres Interesse haben, so bin ich jederzeit bereit, über dieses näheres mitzuteilen."

Diese Aufnahmen von hervorragender Qualität überzeugten SCHORR, und im Oktober 1916 bekarn SCHMIDT den Auftrag, für Bergedorf eine gleiche Horizontalspiegelanlage zu schaffen. Was das Generalkommando während des Krieges ihm als Ausländer verweigerte, bewilligte der Arbeiter- und Soldatenrat in den Revolutionstagen des Novembers 1918: SCHMIDTs ersten Besuch in Bergedorf zur Aufstellung des Spiegelsystems. Vielleicht wäre es schon damals zu einem Daueraufenthalt gekommen, wenn nicht die finanzielle Lage Deutschlands, und damit auch der Sternwarte, sich so überaus trostlos entwickelt hätte. Er schrieb: "Hier in Deutschland ist die Astronomie ganz und gar in den Hintergrund getreten, infolgedessen auch in der Astro-Optik nichts besonderes zu machen, ich habe mich in letzter Zeit mit Periskop-Problemen beschäftigt, speziell für geschlossene Passagierflugzeuge, um senkrecht unten das Gelände beobachte zu [Schmidt und Dr. A. Wachmann, der Autor dieses Beitrags, im Sommer 1935, einige Monate vor Schmidts Tod.]

können, ich habe bei meinen Konstruktionen Gesichtsfelder bis über 100 Grad erreicht und dabei das Bild bis zum Rande scharf." Mehrere Patentanmeldungen erfolgten und Verhandlungen mit den JUNKERs-Flugzeugwerken über die technische Auswertung seiner Erfindung. Nur die Entwicklung der Flugzeuge schritt zu schnell voran, als dass seinen Patenten ein finanzieller Erfolg beschieden gewesen wäre. Und den gleichen Fehlschlag erlitt er 1926 mit der Patentanmeldung eines biegsamen optischen Systems, das in der Medizin wohl unter dem Namen Gastroskop bekannt ist; nach dem Namen SCHMIDT aber forscht man vergeblich.

Den Auswirkungen der Inflation entging SCHMIDT durch einen Aufenthalt in seiner Heimat Estland. Im Januar 1924 schreibt er an SCHORR: "Als der Dollar die Papiermarkmillionengrenze überschreiten anfing, dachte ich als Bestes, außerhalb Deutschlands zu verweilen. Ich konnte damals wieder große Räumlichkeiten erhalten, aber wo hätte ich die später notwendigen Milliarden und Billionen genommen. Da aber die neue Rentenmark doch stabil zu bleiben scheint, so plane ich nach Mittweida zurückzureisen. Ich habe inzwischen ausländliche Aufträge erhalten und muss dann zur Herstellung nach Deutschland zurück."

Diese Hoffnung trog, und im April 1925 verzweifelte er: "Ich habe in dieser Zeit, wo ich hier bin, keinen einzigen Auftrag erhalten und ich glaube auch nicht daran, dass eine Besserung vorläufig eintreten kann. Daher beabsichtige ich, meinen Kram vollständig in Schrott zu verwandeln und als altes Eisen und Brennholz zu verkaufen und dann irgend etwas anderes anzufangen." Vor diesem letzten Schritt bewahrte ihn Prof SCHOENBERG in Greifswald durch Ankauf seiner Spiegelanlage für Breslau. In Greifswald aber beschäftigte ihn daneben ein anderes technisches Problem. "Ich betreibe jetzt Seeschiffahrtsprobleme und bin auf mehr praktische Gebiete gekommen. Unter anderem will ich auch FLETTNER Konkurrenz machen. Ich habe nämlich einen HorizontalRotor in Propellerform, der ohne Hilfsmotor lediglich durch Windkraft allein läuft und bei Rückenwind die beste Fahrt macht, in welcher Richtung der FLETTNER-Rotor eigentlich sehr ungünstig wirkt. Mit meinen Segelversuchen bin ich nun schon dazu gekommen, dass ich sogar direkt gegen den Wind mit Windkraft allein vorwärts fahren kann, zwar nicht gerade schnell, aber immerhin komme ich schneller zum Ziel, als ein entsprechendes Segelboot durch Aufkreuzen gegen den Wind. Dass ich gegen den Wind fahren kann, glaubt nun keiner, es wird behauptet, es sei so etwas wie ein "Perpetuum mobile". Um gegen den Wind fahren zu können, benutze ich eine schnellaufende leichte Windturbine, die einen Wasserpropeller antreibt und es handelt sich nun darum, den Propeller so zu konstruieren, dass er noch den ganzen Rückdruck der Windturbine überwindet, allerdings ein recht kitzliges Problem."

In einem erhaltenen umfangreichen Manuskript hat er die ganze Theorie seines Gegenwindschiffes niedergelegt. Jedoch eine Patentanmeldung hatte wiederum keinen Erfolg. Er resignierte mit den Worten: "Mit dem Patentamt höre ich nun endgültig auf. Wenn das Gutachten eines PRANDTL nicht gewirkt hat, so kann ich mit Gewalt auch nichts mehr anfangen." Trotz dieses Abstechers in die "Segelmühlentechnik", wie er es nannte, endete dieser Brief mit einem Hoffnungsschimmer für die Astro-Optik: "Haben Sie vielleicht in Bergedorf was für mich zu tun? Ich habe inzwischen auch eine Spiegelkombination ausprobiert, eine Art undurchbohrter seitlicher Cassegrain mit vollständiger Aufhebung von Coma und Astigmatismus." Ein erster Hinweis auf das große Problem, das ihn fortan beschäftigen sollte! [Von links: Anschreiben zu einer Patentanmeldung; Rechnungen zum Dreilinsen-Spiegelsystenn; Prospekt mit Angebot eines komafreien Spiegelteleskops.]

SCHORRs Einladung folgend, begann damit Ende 1926 SCHMIDTs Tätigkeit auf der Bergedorf er Sternwarte und zwar als freiwilliger Mitarbeiter, dem hier nun nicht nur die Hilfsmittel eines großen Institutes zur vollen Verfügung standen, sondern auch das stete Bemühen Prof. SCHORRS, ihn mit optischen und kniffligen feinmechanischen Arbeiten ausreichend zu beschäftigen.

Ein Blick in seine im Keller des Hauptgebäudes gelegene Werkstatt überzeugt, dass nur seine Fähigkeiten, seine Genialität, hier mit primitiv anmutenden Hilfsmitteln Erstaunliches zu leisten vermochten. Nur wenigen gelang überhaupt, bis hierhin vorzudringen, wo er zu jeder Tag- und Nachtzeit werkte. Ward man aber für würdig befunden und verstand man schweigend und rauchend zuzuschauen, dann sah man hier den wahren Künstler an der Art, wie er seine Werkzeuge bediente und wie er ihre Eigenarten völlig beherrschte. Man spürte seine unmittelbare, direkte Beziehung zum Gegenstand seiner Arbeit und erstaunte über die fast unheimliche Sicherheit, mit der er immer im richtigen Moment den Schliff unterbrach, um die jeweilige optische Fläche, sei es mit einem künstlichen Stern, sei es durch Interferenzen, zu prüfen. Hierin und in seinem geübten Auge, das sofort jede geringste Abweichung der Flächen von der idealen Gestalt erkannte, lag wohl das eigentliche Geheimnis seines Erfolges. Verständnisvolle überlegungen und seine langjährigen Erfahrungen ließen ihn sofort erkennen, wie und bis zu welchem Grade diese Abweichungen zu beseitigen waren. Bewundernd aber ahnte man das feine Fingerspitzengefühl, das er in seiner linken Hand, seiner einzigen, besaß. SCHMIDT selbst sagte davon: "Meine Hand ist empfindlicher als die feinsten Fühlhebel" und als einmal jemand aus Scherz in seiner Abwesenheit die Polierschale etwas hin und zurückschob, sagte er sofort: "Da hat jemand was gemacht."

Bezüglich des maschinellen Schliffs aber äußerte er: "Die Maschine macht Fehler, wohl weil die Epizyklen mathematisch zur Folge haben, dass die Zonen ungleich behandelt werden. Wenn die Hand Reibung spürt, dann muss man alsbald aufhören bis die Temperatur wieder ausgeglichen ist. Die Maschine aber spürt den Fehler nicht, sie poliert sinnlos weiter, die Reibungsstelle erwärmt und erhebt sich dadurch, der Fehler wird ständig größer." Und ein anderes Mal: "Man kann statt vom Rande aus, besser von einer mittleren Zone den Fehlerausgleich beginnen. Ein rein radial geschliffener Spiegel zaubert statt Beugungsringe Funkei-isprühen'." In dieser Werkstatt auf der Sternwarte in Bergedorf setzte er dann seine große Idee in die Praxis um. Hier entstand der erste komafreie Spiegel der Welt, mit seinem bis dahin ungeahnt großen öffnungsverhältnis von 1:1,75, dessen bisher unübertroffene, einzigartig scharfe Abbildung des Himmels eigentlich schon damals die Observatorien hätte "schmidtreif" werden lassen müssen. Es erstaunt zumindestens und beschämt zu gleicher Zeit immer wieder, dass trotz rührigster Reklame für seine so umwälzende Erfindung und trotz seines überaus billigen Angebotes, Spiegel und Kamera für nur 5500 Mark zu liefern, nicht ein einziger definitiver Auftrag erfolgte. Aber sein estnisches Phlegma, seine Einstellung zu den Menschen schlechthin und zu den Astronomen im besonderen, halfen ihm über diese bittere Enttäuschung hinweg. An gelegentlich recht bissigen Bemerkungen allerdings sparte er nicht, und wenn er einmal auf "Achse- war, wie er es nannte, dann konnte es vorkommen, dass er im Kreise freigehaltener Zecher die prophetischen Worte sprach: "Von Schmidt wird nochmal die ganze Welt sprechen." Es liegt eine tiefe Tragik darin, es ist ein Erfinderschicksal, dass BERNHARD SCHMIDT den unwahrscheinlichen Siegeslauf nicht erlebte, den sein komafreier Spiegel seit 1936, nach Lüftung des Geheimnisses der Herstellung von Korrektionsplatten durch SCHORR, angetreten hat.

Die bitteren Enttäuschungen hinderten SCHMIDT nicht daran, weiteren Problemen nachzugehen, wie etwa dem Entwurf für eine Bildfeldebnungslinse zum Originalschmidt. Er erkannte fernerhin, dass bei einer Steigerung des öffnungsverhältnisses auf 1 : 1 und darüber hinaus, an Stelle der Korrektionsplatte besser ein Linsensystem zu setzen wäre. Ausführliche Rechnungen führte er aus und stellte auch ein estes Modell her, in der für ihn typischen Holz- und Schraubenmechanik, das trotz seiner Primitivität in der Hand des Künstlers vernünftige Sternaufnahmen zuwege brachte.

Und auch seinem alten Segelmühlen problem blieb er bis zum letzten Tag treu, indem es nunmehr in die dritte Dimension erhoben wurde. Mit nie erlahmendem Eifer sah man ihn Propeller verschiedenen Anstellwinkels an Besenstielen befestigen, um deren Verhalten beim Aufstieg und Verbleiben in der Luft zu probieren und zu studieren, zur Auswertung für ein von ihm geplantes Windmühlen-Segelflugzeug. Sein letztes Projekt war eine Spezial-Spiegeloptik: ein 60-cm-sphärischer Spiegel (1 :2) mit einem Fangsystem, bestehend aus durchbohrten Linsen und rückseitiger Versilberung. Darüber nahm ihm der Tod die Schleifschalen aus der Hand - am 1. Dezember 1935.

Die Jahre seitdem können wohl Welt verändern, aber sie haben nicht die Erinnerung auszulöschen vermocht an einen außergewöhnlichen Menschen, an den größten Optiker unseres technischen Jahrhunderts: BFRNHARD SCHMIDT. Vom Wandel der Zeiten aber unberührt werden Spiegel von hoher optischer Vollkommenheit und größter astronomischer Bedeutung der Nachwelt immer wieder seinen Namen verkünden.