Universität Hamburg Fachbereich 11 - Mathematik

Institut für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Technik


Programmübersicht Kolloquium
Wintersemester 2002/03 datebook.gif

Vorträge im Rahmen des Seminars

Neuere Forschungen zur Geschichte der
Naturwissenschaften, Mathematik und Technik

Montags 18.00 - 19.30 Uhr,
Geomatikum (Bundesstr. 55),
Hörsaal 6 (Erdgeschoß)

Gesamt-Programm zum Ausdrucken

Inhaltsangabe der Vorträge

28.10.2002

04.11.2002

11.11.2002

18.11.2002

25.11.2002

02.12.2002

09.12.2002, 16.15 Uhr

Dienstag 10.12.2002, 18s.t. - Hörsaal H4 (statt Mo 16.12.)
Vortrag im Mathematischen Kolloquium in Zusammenarbeit mit dem IGN

Weihnachtsferien

13.01.2003

20.01.2003

27.01.2003

03.02.2003

10.02.2003

Sommersemester 2003

19.05.2003

16.06.2003

07.07.05.2003 ?


Gudrun Wolfschmidt, Karin Reich


Vgl. die Vorträge im Kolloquium über Reine Mathematik (im Mathematischen Seminar)
Vgl. die Vorträge im Mathematischen Kolloquium
Vgl. weitere Vorträge im Fachbereich Mathematik
Vgl. die Vorträge im Astronomischen Kolloquium der Hamburger Sternwarte
Vgl. die Vorträge im Vorträge bei DESY und die Vorträge in der Physik (Jungiusstr.)
Vorträge in der Hamburger Sternwarte (Förderverein)
Vorträge in der Mathematischen Gesellschaft Hamburg
Vgl. die Vorträge im Philosophischen Kolloquium

Siehe auch die folgenden Veranstaltungshinweise:

Tagungen, Ausstellungen, u.s.w.

Frühere Kolloquiumsvorträge



Inhaltsangabe der Vorträge

Dr. Armin Wirsching (Hamburg)
Wie die ägyptischen Obelisken Rom erreichten.

Plinius d. Ä. berichtet:
Eine ganz besondere Schwierigkeit bereitete der Transport der Obelisken auf dem Seeweg nach Rom auf äußerst sehenswerten Schiffen (nat. hist. 36; 14, 70). Die Schiffe waren erstaunlicher als alles, was jemals auf dem Meer gesehen wurde (nat. hist. 16; 4, 13).
Es gibt jedoch weder ein Bild noch eine Beschreibung des römischen Obeliskenschiffes. Angenommen wird, dass es rund 500 Tonnen Fracht und 800 Tonnen Ballast tragen konnte. Gab es solch ein gigantisch großes Schiff wirklich? Im Vortrag wird nachgewiesen, dass die Römer die ägyptische Transporttechnologie auf den Hochseetransport anwandten. Hiervon ausgehend kann das römische Schiff in seinen Grundzügen rekonstruiert werden.

Dr. Klaus Staubermann (Utrecht)
Gespenster sehen - Magie und Wissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Das 19. Jahrhundert war ein Zeitalter wachsenden wissenschaftlichen Selbstbewußtseins. Dies drückte sich auch in der Verwendung wissenschaftlicher Instrumente und der Gestaltung wissenschaftlicher Experimente aus. Im meinem kleinen Vortrag versuche ich zu zeigen, wie Instrumente aus der Unterhaltungskultur des 19. Jahrhundert den Weg in die Naturwissenschaft fanden und dort halfen, wissenschaftlichen Konsens zu erzielen. Weiter möchte ich zeigen, wie das aus diesem Konsens erwachsende Selbstbewußtsein dazu beitrug, Experimente in Bereiche zu tragen,die vormals der Magie und Zauberei vorbehalten waren. Schließlich versuche ich zu zeigen, daß es letztendlich die Berufsmagier waren, die zwar ohne naturwissenschaftliche Ausbildung aber mit handwerklichem Geschick wieder eine Grenze zwischen Naturwissenschaft und Magie aufzeigen konnten, die die erstere in ihrem wachsenden Selbstbewußtsein überschritten hatte.

Dipl. Phys. Wolfgang Steinicke (Freiburg)
Der New General Catalogue of Clusters and Nebulae (1888-1908) und seine Beobachter

Die vollständige Revision von J.L.E. Dreyer`s NGC (1888) und seiner Ergänzungen (IC, 1895 und 1908) anhand der historischen Quellen ist ein umfangreiches Projekt. Die Kataloge von Dreyer - die immer noch als klassische Bezeichnungsweise nichtstellarer Objekte dienen - sind Zusammenstellungen sehr inhomogener Beobachtungsdaten einer groŠen Zahl von Beobachtern (ca. 150). Bei der Analyse der Daten spielen diese Personen, ihre Instrumente und Beobachtungsbedingungen eine entscheidende Rolle. Es ist klar, dass bei ca. 14.000 Objekten viele "puzzles" zu lösen sind. Ich möchte den aktuellen Stand des Projektes anhand von Beispielen - vor allem unter dem Aspekt der Beobachter und ihrer Biographien - vorstellen.

Kerrin Riewerts (Paderborn)
Entwicklung, Herstellung und Verbraucherschutz von kosmetischen Mitteln um 1900 am Beispiel von Seife und Haarfärbemitteln.

Schönheit und Schönheitspflege spielten schon immer eine wichtige Rolle im menschlichen Sozialverhalten. Während die Herstellung von kosmetischen Mitteln in der Antike und im Mittelalter gut dokumentiert wurde, ist die Forschungslage in der Neuzeit dünn. Am Beispiel Toilettenseife und Haarfärbemittel wird Herstellung, Entwicklung und Verbraucherschutz beschrieben. Toilettenseife als reinigendes Kosmetikum wurde bis Ende des 19. Jahrhundert empirisch produziert. Ab 1900 begann wissenschaftliches Arbeiten; neue Rohstoffe und automatisierte Prozesse verdrängten die konventionelle Seifensiederei. Um 1890 kamen organische Haarfärbemittel aus der Teerfarbenproduktion auf den Markt und lösten blei- und silberhaltige Mittel ab. Daraufhin traten schwere Gesundheitsschäden auf.

Dipl.-Phys. Klaus-Heinrich Peters (Hamburg, IGN)
Der Zusammenhang zwischen Mathematik und Physik am Beispiel der Geschichte der Distributionen.

Die Physikgeschichte ist voller Beispiele für die intuitiv richtige Verwendung mathematischer Größen, deren eigentlich mathematischer Gehalt den Beteiligten oft völlig im Dunkeln lag. Das hier zu betrachtende Beispiel der Theorie verallgemeinerter Funktionen (Distributionen) gehört zu den eindrucksvollsten Exemplaren dieser Art.
Verallgemeinerte Funktionen wurden von Physikern seit Ende des 19. Jahrhunderts zur Lösung verschiedener Probleme benutzt. Mit der von Paul A.M. Dirac 1927 in die Quantenmechanik eingeführten ,,d-Funktion'' gelangten uneigentliche Funktionen erstmals in systematischen Gebrauch ins Herz des physikalischen Formalismus. Obwohl die von Dirac geforderten Eigenschaften der d-Funktion sich im Lichte der damaligen Analysis selbst widersprachen, konnte sie höchst erfolgreich im frisch entstandenen Formalismus der Quantenmechanik verwendet werden. Es entstand die kuriose Situation, dass mit mathematisch sinnlosen Hilfsmitteln höchst sinnvolle physikalische Ergebnisse erzielt werden konnten.
Widerspruch kam vor allem von den der Physik nahestehenden Mathematikern, vor allem von John von Neumann (1903-1957). Dieser legte mit seiner Spektraltheorie einen mathematisch korrekten Formalismus der Quantenmechanik vor, der das Problem der d-Funktion umgehen konnte.
Die Physiker hielten aber weiterhin an dem Gebrauch verallgmeinerte Funktionen fest, einerseits aus praktischen Gründen, andererseits weil diese mit der Entstehung der Quantenfeldtheorie noch tiefer ins Zentrum der theoretischen Physik rückten. Aber gerade in der Quantenfeldtheorie stiftetete der fragwürdige mathematische Charakter der verallgemeinerten Funktion weitere Verwirrung, die sich in den Divergenzproblemen der Quantenelektrodynamik und in der Renormierungstheorie zeigte.
Erst mit den Arbeiten von S. Sobolev 1936 und vor allem der Arbeit von L. Schwartz 1945-50 wurde mit der Theorie der Distributionen der mathematische Grundstein zum prinzipiellen Verständnis gelegt.
Der Vortrag verfolgt ein doppeltes Ziel: Erstens soll die Geschichte des Gebrauchs von verallgemeinerten Funktionen von ihren Anfängen bei Gustav Kirchhoff in den 1880er Jahren bis in die 1950er Jahre hinein skizziert werden. Zweitens soll aufgrund des sich hier auftuenden Spannungsverhältnisses zwischen Mathematik und Physik die Beziehung der Physiker zur exakten Mathematik beleuchtet werden und damit deren Verständnis der Rolle der Mathematik in der Physik insgesamt. Die Diskussion wird sich dabei um die Benutzung der d-Funktion in der Quantenmechanik zentrieren. Davon ausgehend soll durch Interpretation verschiedener Originaltexte und von Briefen die Rolle der Mathematik in der Physik im Denken Diracs, Paulis und von Neumanns beleuchtet werden.

Dr. Gottfried Zirnstein (Leipzig)
Entwicklung in der Natur - Ansichten und Argumente für und wider namentlich im 18. und 19. Jahrhundert bis zu Darwin (1859).

Veränderung, Umbildung in der Natur wurde zuerst nicht für Organismen, sondern im Gefolge auch von gedanken zu Veränderungen in der Gesellschaft zuerst für Himmelskörper und namentlich der Erde erörtert. Das Konzept Buffons rechnete mit einer unumkehrbaren Umbildung, das Konzept Huttons mit einer fortlaufenden Wiederkehr der gleichen Erscheinungen, und einige rechneten mit abrupten, andere mit schittweisen Umbildungen - Vorstellungen, die auch den neueren Evolutionstheorien nicht fremd sind. Für die Organismen wurde nach 1809 von den verschiedensten biologischen Disziplinen, namentlich auch von Paläontologie und Biogeographie, die Neuentstehung von Formen diskutiert, aber mit damals einleuchtenden Argumenten eher auf Urzeugung als auf abweichende Nachkommenschaft zurückgeführt. Die Akzeptierung der Evolutionstheorie war keine Trivialität.

Kolloquium aus Anlaß des 20jährigen Bestehens der Hans Schimank-Gedächtnis-Stiftung
und des 400sten Geburtstages von Otto von Guericke

Prof. Dr. Thomas Sonar (TU Braunschweig)
Der fromme Tafelmacher - Die frühen Arbeiten des Henry Briggs.

Henry Briggs (1561-1630) ist berühmt für die Entwicklung der dekadischen Logarithmen, früher auch oft ''Briggssche Logarithmen'' genannt. Weit weniger bekannt ist die Tatsache, dass die Entwicklung der Logarithmen erst in seinem letzten Lebensabschnitt stattfand. Geboren in Yorkshire, ausgebildet in Cambridge, entwickelte sich Briggs im Elisabethanischen Wissenschaftsbetrieb zu einem Mathematiker außergewöhnlichen Ranges. Als Professor am Gresham College arbeitete er an navigatorischen Problemen gemeinsam mit anderen Größen seiner Zeit, wie Gilbert, Wright, Gunter und anderen. In dieser Zeit tritt er hauptsächlich als Tafelmacher in Erscheinung, dessen mathematische Tafeln in den Werken anderer erscheinen. Im Vortrag werde ich über die frühen (d.h. vorlogarithmischen) Arbeiten vortragen. Unter anderem werde ich über die vollständige Rekonstruktion des Gilbertschen Instruments zur Bestimmung des Breitengrades aus der Neigung einer magnetischen Nadel berichten und die Berechnung einer zugehörigen Briggsschen Neigungstabelle im Detail erläutern. Die Rolle Briggs' wird dabei im Umfeld seiner Freunde und im Hinblick auf die damalige Zeit beleuchtet, dessen wissenschaftliche und politische Umbrüche den Beginn eines neuen Zeitalters markierten.

Dr. Anja Skaar Jacobsen (Universität Århus)
Speculative chemistry in the periphery of German Romanticism: Hans Christian Ørsted's chemical philosophy.

Today Hans Christian Ørsted (1777-1851) is more or less unknown as a chemist, even though that was his main profession in the beginning of the 19th century. Educated as a pharmacist and with a doctoral degree in philosophy he travelled through Europe just after Volta's invention of the galvanic pile and gathered material and inspiration for a grand project involving serious both ontological, epistemological, and methodological changes in the science of chemistry. In my talk I will outline Ørsted's speculative project in chemistry on the background of the heavy influence on him from German philosophy and characterise his chemical philosophy in the context of the general chemical development in the period, for example by comparing his electrochemical theory with Davy's and Berzelius'.
Dr. Sybille Gerstengarbe (Halle an der Saale, Martin-Luther- Universität/Leopoldina)
Die Rolle der Leopoldina in der DDR-Zeit.
Die Leopoldina hatte während der Zeit der Teilung Deutschlands (1945-1989) eine in ihrer Geschichte bisher einmalige Funktion, da sie weiterhin als gesamtdeutsche Akademie agierte und eine Brücke zwischen Ost- und Westwissenschaftlern bildete. Im Vortrag soll der gesamtdeutsche Charakter der Akademie analysiert und der Vergleich zu den anderen Wissenschaftsakademien in der DDR gezogen werden. An konkreten Beispielen werden Konflikte dargestellt, die das Leopoldina-Präsidium mit Vertretern des Staates hatte. Die größte Ausstrahlung auf die wissenschaftliche Öffentlichkeit hatte die Akademie durch ihre Jahresversammlungen, die es den ''Ostwissenschaftlern'' ermöglichten, persönliche Kontakte zu Kollegen aus aller Welt zu knüpfen. über den engeren wissenschaftlichen Rahmen hinaus entfalteten Leopoldinamitglieder aus der Bundesrepublik anlässlich der Jahresversammlungen im kirchlichen Raum eine wirkungsvolle Vortrags- und Diskussionstätigkeit. Die Sicht von Partei- und Staatsstellen und Informellen und hauptamtlichen Mitarbeitern des Ministeriums für Staatssicherheit auf die Akademie soll an Beispielen dargestellt werden.

Dr. Kai Handel (Universität Hannover)
Die Zukunft der Hochschulen - eine Analyse der aktuellen hochschulpolitischen Entwicklungen.

Schlagwörter wie Zielvereinbarungen, Mittelverteilung, Evaluation, Profilbildung, Studienkonten, Excellenzförderung und immer wieder die Leere der öffentlichen Kassen und somit die unzureichende Finanzierung der öffentlichen Hochschulen bestimmen die hochschulpolitische Diskussion. Eine knappe historische Analyse der gesellschaftlichen Rolle der Hochschulen in Deutschland in den letzten 50 Jahren bietet den Hintergrund, vor dem die wesentlichen Trends der aktuellen Hochschulpolitik erläutert und diskutiert werden sollen. Abschließend wir ein Ausblick auf mögliche und nach Einschätzung des Vortragenden wahrscheinliche Zukunft der Hochschulen in Deutschland gegeben.

Dr. Charlotte Schönbeck (Heidelberg)
Philipp Lenard und die frühe Geschichte der Relativitätstheorie.

Um die Entwicklung der Relativitätstheorie - der speziellen und der allgemeinen Relativitätstheorie - gab es in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts heftige Auseinandersetzungen, die weit über den üblichen wissenschaftlichen Rahmen hinaus gingen und in die breite Öffentlichkeit getragen wurden. Welche Rolle der Nobelpreisträger Philipp Lenard (1862-1947) in diesen wissenschaftlichen und politischen Diskussionen um die Relativitätstheorie spielte, soll im Vortrag herausgearbeitet werden. Lenard gehörte zu Beginn des letzten Jahrhunderts durch seine genialen experimentellen Untersuchungen - insbesondere durch seine Beiträge Āber Kathodenstrahlen - zu den Wegbereitern der modernen Physik. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg, als er die Entwicklung der modernen Physik immer kritischer beurteilte. Er wurde schließlich als extremer Anhänger des Nationalsozialismus zum führenden Vertreter der ,,Deutschen Physik''.



Anregungungen bitte an:
wolfschmidt@math.uni-hamburg.de
Letzte Änderung: 4. Dezember 2002

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