Universität Hamburg Fachbereich 11 - Mathematik

Institut für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Technik


Programmübersicht Kolloquium
Wintersemester 2000/01 datebook.gif

Vorträge im Rahmen des Seminars

Neuere Forschungen zur Geschichte der
Naturwissenschaften, Mathematik und Technik

Montags 18.00 - 19.30 Uhr,
Geomatikum (Bundesstr. 55),
Hörsaal 6 (Erdgeschoß)

Gesamt-Programm zum Ausdrucken

Inhaltsangabe der Vorträge

06.11.2000

13.11.2000

20.11.2000

27.11.2000

04.12.2000

11.12.2000

18.12.2000 - Weihnachtsfeier


Donnerstag 18.01.2001, 19.30 Uhr - Zoologisches Institut, Großer Hörsaal Ort und Termin/Uhrzeit geändert!
in Zusammenarbeit mit dem 'Naturwissenschaftlichen Verein Hamburg'

22.01.2001

29.01.2001

Dienstag 30.01.2001 - 16 Uhr c.t. - Hörsaal H4 Ort, Termin und Zeit geändert!
Vor dem Vortrag um 15.30 Uhr steht im Raum Geom 233 Kaffee und Tee bereit.
Vortrag in Zusammenarbeit mit dem Mathematischen Seminar

05.02.2001

12.02.2001



Gudrun Wolfschmidt, Karin Reich, Günther Oestmann, Christian Hünemörder


Vgl. die Vorträge im Kolloquium über Reine Mathematik (im Mathematischen Seminar)
Vgl. die Vorträge im Mathematischen Kolloquium
Vgl. die Vorträge im Astronomischen Kolloquium der Hamburger Sternwarte
Vgl. die Vorträge im Vorträge bei DESY und in der Physik (Jungiusstr.)
Siehe auch: Vorträge in der Mathematischen Gesellschaft Hamburg
Vgl. die Vorträge im Philosophischen Kolloquium

Siehe auch die folgenden Veranstaltungshinweise:

Tagungen, Ausstellungen, u.s.w.

Geplante Vorträge im nächsten Semester

Frühere Kolloquiumsvorträge



Inhaltsangabe der Vorträge

Elvira Pfitzner (Chemnitz)
Immer wieder sind es die Kometen.

Die Erscheinung eines Kometen kann nicht nur die unterschiedlichsten Aktivitäten auslösen, sie kann sogar das Leben eines Menschen in völlig andere Bahnen lenken.
An einigen Beispielen aus der Geschichte der Kometenforschung, die ihrerseits förderlich auf andere Naturwissenschaften wirkten, wird die obige Aussage zuerst erläutert.
Die eigene Amateurtätigkeit wurde auch durch einen Kometen ausgelöst und erhielt jeweils einen Schub, wenn es galt eine Beobachtungsreihe auszuwerten, oder selber zunächst weniger bekannten historischen Persönlichkeiten nachzuspüren. Dabei zeigte sich, daß die Kometen das Leben der hier untersuchten Geistlichen Georg Samuel Dörffel (1643-1688)und des Lehrers Friedrich Scheithauer (1771-1846) wesentlich veränderten. Die Beschäftigung mit der Naturwissenschaft, auch wenn sie nicht beruflich vorgegeben wurde, kann tiefgründig sein, weil die selbst gewählten Themen keinen zeitlichen oder örtlichen Rahmen setzen. Es erscheint deshalb aber wesentlich, die selbst gestellte Aufgabe auch zu Ende zu führen, denn nur dann wird sie sehr viel Freude bereiten.

Prof. Dr. Christian Hünemörder (Hamburg, Universität, IGN)
Die Naturenzyklopädie des Thomas von Cantimpré, ihre Textstufen, Verbreitung und ihr Einfluß auf das mittelalterliche Geistesleben.

Der belgische Dominikaner Thomas von Cantimpré (ca. 1201 - ca. 1270) vollendete um 1241 nach 14-15jähriger Sammeltätigkeit anonym seine lateinische naturkundliche Enzyklopädie in zunächst 19 (= Thomas I), dann 20 Büchern (= Thomas II). Basierend auf einigen im Prolog genannten Quellenautoren aus der Antike und dem Mittelalter, hat er darin alle ihm erreichbaren Nachrichten über den Mikrokosmus Mensch, die Pflanzen, Tiere und Mineralien der Erde und den Makrokosmos des Universums zusammengestellt und teilweise moralisiert. Von Thomas II existieren eine Reihe von z.T. wunderbar illuminierten Handschriften vom späten 13. bis 15. Jh. Obwohl vor allem diese zweite Originalversion (Edition von Helmut Boese 1973) in vielen Handschriften verbreitet war, lief ihr eine nur wenige Jahre später im süddeutschen oder österreichischen Raum entstandene Bearbeitung (Thomas III) mit über 100 erhaltenen Manuskripten den Rang ab, nicht zuletzt durch die Übersetzung (1348/50) des Konrad von Megenberg ins Deutsche. Es wird über den in der Rohfassung abgeschlossenen Kommentar im Hinblick auf die von dem künftigen Texteditor erforschte interessante Textgeschichte (mit mehreren Bearbeitungsstufen), die Verbreitung der Handschriften sowie über die zusätzlich benutzten Quellen (bes. Ps.-John Folsham) informiert werden. Der bisher kaum untersuchte Einfluß auf das mittelalterliche Geistesleben wird den Abschluß bilden.

Dr. Ing. Armin Wirsching (Hamburg, Universität)
Obelisken im Nil transportieren - die Entdeckung des altägyptischen Doppelschiffs.

Die größte Herausforderung, vor die Schiffbauer und Ingenieure im alten Ägypten gestellt wurden, war der Transport von Obelisken von den Steinbrüchen im Süden des Landes zu den heiligen Stätten im Norden. Ein Bild im Totentempel der Königin Hatschepsut zeigt die Ankunft von zwei etwa 300 Tonnen schweren Obelisken auf einem Schiff in Karnak. Gab es das gigantisch große Schiff wirklich? Neue Erkenntnisse zeigen, daß die Obelisken zwischen Schiffen im Wasser hängend transportiert wurden. Im Vortrag werden die für den Transport schwerster Steinlasten verwendeten Schiffe nach überlieferten Zeugnissen der Zeit schrittweise rekonstruiert. Der Künstler, der das Säulen tragen Schiff des Königs Unas darstellte, hat die Doppelschiff-Technologie perfekt perfekt dokumentiert. Auf dieser Grundlage muß das Obelisken-Schiff der Hatschepsut anders interpretiert werden, als es zu sehen ist.

Dmitri Abramov (Moskau/Hamburg, Universität, IGN)
Edition der um 1240/50 entstandenen naturkundlichen Enzyklopädie des Ps.-John Folsham.

Liber de naturis rerum von Ps.-John Folsham mit dem Incipit Triplex est esse ist eine der naturkundlichen Enzyklopädien, die ab des ersten Drittels des 13. Jh. in Westeuropa erschienen sind und einen neuen Meilestein in der Wissenschaftsgeschichte markieren. Sie steht in einer Reihe mit Liber de naturis rerum von Thomas von Cantimpré, Liber de proprietatibus rerum von Bartholomäus Anglicus, Speculum naturale von Vinzent von Beauvais. Diese neuen Enzyklopädien unterscheiden sich von der plinianischen Tradition, zu der auch Isidor, Rabanus Maurus, Honorius, Alexander Neckam, Jakob von Vitry gehören, dadurch, dass sie sowohl strukturell, als auch inhaltlich sehr unter dem Einfluss von Aristoteles und arabischen Gelehrten stehen, deren neue Übersetzungen ins Lateinische in den 12.-13. Jh. erschienen sind.
Diese Enzyklopädie wurde anonym überliefert und war wohl von einem englischen Dominikaner geschrieben worden. Ihre Verfassungszeit kann man anhand der zitierten Quellen und Überlieferung in die Spanne von 1230-1240 setzen. Dass sie dem englischen Karmeliter John Folsham (ca. 1300-1348) aus Norwich zugeschrieben wurde, geht wohl auf John Bale (1495-1563) zurück, der als erster das Buch zusammen mit diesem Namen erwähnte.
Die inhaltliche Anordnung des Materials von Mechanik und Astronomie über die vier Elemente, die Pflanzen- und Tierwelt zum Menschen entspricht der Anordnung der aristotelischen naturwissenschaftlichen Schriften und wurde so von den Arabern übernommen. Die ursprüngliche Bestimmung des Buches als Predigthilfe für Geistliche wird durch zahlreiche moralistische Bemerkungen geprägt.

Dr. Andreas Kühne (München, Ludwig-Maximilians-Universität, IGN)
Die deutschen Perspektivtheoretiker des 16. Jahrhunderts.

Zum Prozeß der Formulierung und Verbreitung der Theorien der Linearperspektive in Italien ist seit dem Ende des 19. Jhs. eine mittlerweile nur noch schwer überschaubare Sekundärliteratur entstanden. Durch kunst-, kultur- und wissenschaftsgeshichtliche Forschungen sind sowohl die schriftlichen Zeugnisse der italienischen Perspektivtheoretiker als auch exemplarische perspektivische Bilder und Zeichnungen umfassend bearbeitet worden. Die deutschen Perspektivtheoretiker hingegen haben - mit Ausnahme von Albrecht Dürer - nicht annähernd soviel Beachtung gefunden wie ihre italienischen Kollegen. Häufig wurden sie ohne genauere Analyse zu Unrecht als weitschweifig und unoriginell abgetan. Der Vortrag, der auf einer umfangreichen Untersuchung basiert, macht es sich zur Aufgabe die wissenschaftshistorischen, geistesgeschichtlichen und wirtschaftlichen Voraussetzungen darzustellen, die die Entstehung einer relativ eigenständigen deutschen Perspektivliteratur befördert haben. Weiterhin werden anhand von Beispielen biographische Voraussetzungen - insbesondere der Bildungswege - der Autoren untersucht, soweit sie für die Beschäftigung mit der Perspektive relevant waren. Am Beispiel von Johann II. von Pfalz-Simmern, Augustin Hirschvogel und Paul Pfinzing von Henfenfeld folgt eine vergleichende Betrachtung der Inhalte einzelner Perspektivtraktate Am Ende des 16. Jahrhunderts verliert sich das theoretische Interesse der Künstler und Kunsthandwerker an der Beschäftigung mit der Perspektive wieder. Paul Pfinzing von Henfenfeld steht mit seinem ''Extract der Geometriae vnnd Perspectiuae'' (1599) schon am Ausgang einer Epoche. Perspektivstudien wurden als Bestandteil der Optik und der darstellenden Geometrie zu Beginn des 17. Jahrhunderts wieder in den akademischen Bildungskanon eingebettet. Kunsthandwerker vom Typus eines Wenzel Jamnitzer, Lorenz Stoer und Johannes Lencker traten dabei nicht mehr in Erscheinung. Girard Desargue und René Descartes wurden zu den Wegbereitern einer formalisierten, in sich kohärenten mathematischen Theorie der Perspektive.

Dr. Gabriele Dürbeck (Rostock, Universität, Institut für Germanistik)
Die Anfänge der populärwissenschaftlichen Ethnologie und die Darstellung der Südseekulturen in der Zeitschrift ''Der Globus'' (1862ff.)

Der 'Globus - Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde' hat einen erklärten populärwissenschaftlichen Anspruch, mit dem Forschungen aus der Geographie und Ethnologie für ein breites, nicht nur gebildetes Publikum in anschaulicher Weise dargestellt werden soll. Neben Artikeln zu den Grundlagen der Ethnologie und Anthropologie erscheinen in unregelmäßigen Abständen zusammenfassende längere Artikel zu einzelnen Ländern oder Inselgruppen. Die Südseekulturen sind ab 1869 kontinuierlich repräsentiert, indem Artikel in mehreren Folgen - etwa über die Neukaledonier (1869), Tahiti (1873), den Markesas-Archipel (1875), die Samoa-Inseln(1880) oder die Salomonen (1881) - erscheinen; meist sind auch aufschlußreiche Illustrationen beigegeben. Die Autoren dieser Artikel sind Missionare, Ethnographen und Forschungsreisende. Der 'Globus' wird neben der Zeitschrift 'Ausland' (1828ff.) zum wichtigsten publizistischen Organ, das Informationen über fremde Völker in fundierter, aber allgemeinverständlicher Weise vermittelt. Im Vortrag soll besonderes Augenmerk auf die Vermittlungsstrategien zur Popularisierung von Wissen gelegt werden.

Prof. Dr. Joachim Braun (Hamburg, Universität der Bundeswehr)
Luftfahrt als Thema der Musik (mit Tonbeispielen).

Seit der Wende zum 20. Jahrhundert spielte die Technik als Thema der Musik eine immer größere Rolle; insbesondere Verkehrsmittel wie Eisenbahnen, Automobile, und Flugzeuge fanden steigende Beachtung. Obwohl der durch die Musik vermittelte Eindruck zwischen Technikoptimismus und Technikpessimismus schwankte, überwogen positive Einschätzungen der Technik. Im Vordergrund werden Stücke der ''E-Musik'' stehen, etwa die ''Airplane Sonata'' (G. Antheil); ''Lindberghflug'' (K. Weill/P. Hindemith); ''Mermoz Suite'' (A. Honegger)! ''Thunderbolt P-47'' (B. Martinu) und das ''Helikopter Quartett'' (K.H. Stockhausen). Die Stücke werden auszugsweise zu Gehör gebracht und analysiert, wobei ich versuchen werde, die Frage zu beantworten, welche Funktion sie hatten, ob sich diese Funktion im Zeitverlauf änderte, wie sie rezipiert wurden und warum technikoptimistische Aussagen überwogen.

Prof. Dr. Matthias Schramm (Tübingen, Universität)
Der Antikythera-Mechanismus und spätere Analoga.

....

Dr. Cornelia Denz (Darmstadt, Technische Universität, Physik)
Von der Antike bis zur Neuzeit - der verleugnete Anteil der Frauen an der Physik.

Unser Wissen der Physik ist das Ergebnis eines langsamen, zähen Prozesses des Spekulierens, Experimentierens und Entdeckens über Jahrhunderte hinweg - ein Prozeß, der so alt ist wie die Menschheit selbst. Frauen haben darin stets eine wesentliche Rolle gespielt. Dennoch erinnern wir uns meist nur an die ganz wenigen Männer, die unser Weltbild drastisch veränderten: Aristoteles, Kopernikus, Newton, Einstein, Bohr, Heisenberg, Dirac, Fermi. Die Geschichte der Physik ist jedoch weit mehr, sie ist die Geschichte einer Vielzahl von Menschen, die entscheidende Entwicklungen ermöglichten, neue Weltbilder diskutierten, verwarfen oder weiterführten und dadurch die Entwicklung des Wissensstandes voranbrachten. Viele davon waren Frauen, doch ihre Geschichte ist bis heute praktisch unbekannt - auch wenn viele ihrer Leistungen genauso bewegend oder bahnbrechend waren wie die ihrer männlichen Kollegen. Dieser Beitrag beschreibt beispielhaft Portraits von solchen Frauen, die die Entwicklung der Physik entscheidend mitbestimmten. Es sind Auszüge quer durch die Jahrhunderte aus der am Fachbereich Physik der Technischen Universität Darmstadt entstandenen Ausstellung ''Von der Antike bis zur Neuzeit - der verleugnete Anteil der Frauen an der Physik''. Unsere Ausstellung möchte diese Beiträge von Frauen an der Entwicklung der Physik sichtbar machen, um für heutige Physikerinnen Vorbilder greifbar und interessant zu machen.

Dr. Cornelia Lüdecke (München, Ludwig-Maximilians-Universität, IGN)
'Auf zum Südpol' - 175. Geburtstag von Georg von Neumayer und 100 Jahre deutsche Südpolarforschung.

Georg Balthasar von Neumayer wurde am 21.6.1826 in Kirchheimbolanden geboren. 1857 gründete er mit finanzieller Unterstützung des bayerischen König Maximilians II. in Melbourne das Flagstaffobservatorium für meteorologische und magnetische Messungen. Wieder nach Deutschland zurückgekehrt beteiligte sich Neumayer 1865 mit einem Vortrag an der ersten deutschen Geographentagung in Frankfurt, in dem er die Förderung des Seeverkehr und der Antarktisforschung propagierte. Diese Ziele verfolgte er die weiteren Jahrzehnte. 1872 wurde er zum ''Hydrographen in der Admiralität ernannt, in dessen Eigenschaft er die wissenschaftliche Weltreise der ''Gazelle'' (1874-76) ausrichtete. Auch gründete er die ''Annalen der Hydroggraphie und maritimen Meteorologie''. 1874 veröffentlichte er die ''Anleitungen zu wissenschaftlichen Beobachtungen auf Reisen''. 1875 wurde schließlich sein Plan einer Deutschen Seewarte in Hamburg verwirklicht. Ein Jahr später ernannte man ihn zum ersten Direktor. Erst 1903 schied er nach 27 Jahren aus dem Dienst im Alter von 77 Jahren aus. Große Verdienste erlangte Neumayer durch die Organisation des Internationalen Polarjahres 1882-83. Jahrzehnte lang bemühte er sich um die Aussendung einer deutschen Antarktisexpedition, die schließlich 1901-03 unter der Leitung von Erich von Drygalski (1865-1949) verwirklicht werden konnte. Sein ganzes Leben widmete sich Neumayer der Wissenschaft, der Verwaltung und auch der Politik. Am 24.5.1909 starb er in Neustadt a.d. Hardt.

Prof. Dr. Hans Niels Jahnke (Essen, Universität, FB Mathematik und Informatik)
Zugänge zur Reihenkonvergenz in der algebraischen Analysis des 18. Jahrhunderts.

In seinen analytischen Arbeiten hat L. Euler (1707-1783) scheinbar absurde Gleichungen wie
-1 = 1+2+4+8+...,
die aus der geometrischen Reihe für x=2 resultiert, häufig ausdrücklich notiert und sich für spätere Überlegungen vorbehalten. Offenbar schienen ihm divergente Reihen so wertvoll zu sein, daß man sie nicht vorschnell aufgeben sollte. Der Vortrag diskutiert seine Konzeption zu dieser Frage und ihre Rezeption durch Mathematiker des beginnenden 19. Jahrhunderts.

Heike Weber (Berlin, Technische Universität, Technikgeschichte)
Zwischen Popularisierung und Propaganda: Populäre Technikliteratur in der NS-Zeit.

Vielen Autoren populärer Technikdarstellungen dienten nach 1933 die Autarkiebestrebungen des NS-Regimes als Aufhänger für ihre Bücher; dies gilt insbesondere für die sogenannten ''Rohstoffbücher'', welche romanhaft die Geschichte eines Stoffes von seiner ersten Verwendung durch die Menschheit bis hin zur aktuellen Nutzung schilderten. Über die Wirkungsmacht des technisch-ökonomischen Sachbuches zur Stützung der eigenen wirtschaftspolitischen Absichten war sich auch das Regime schnell im klaren und schaffte entsprechende Kontrollinstitutionen zur Lenkung dieses Literaturbereiches. Es kam hier einerseits zu einer propagandistischen Vereinnahmung der populären Technikliteratur, andererseits nutzten einige Autoren den vom Regime gesteckten Rahmen für die eigene Karriere. Der Vortrag erörtert dieses Spannungsfeld; im Vordergrund steht dabei das Wirken von Anton Zischka (1904-1997), einem der meistverlegten Sachbuchautoren des 20. Jahrhunderts.

Dr. Luitgard Marschall (München, Technische Universität, Technikgeschichte)
Zwischen Nischenexistenz und Zukunftstechnologie: Industrielle Biotechnik in Deutschland (1900-1970).

Obgleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Zukunftstechnik gepriesen, blieb der Einsatz der Biotechnologie in Deutschland noch bis in die frühen 1970er Jahre auf wenige Nischen beschränkt. Biologische Produktionsverfahren standen hier mehr und länger als in anderen hochindustrialisierten Ländern im Schatten der chemischen Synthese. Im Vortrag wird dieser Entwicklungsrückstand als Folge einer jahrzehntelangen Pfadabhängigkeit interpretiert. So entschied sich die deutsche chemische Industrie schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts für den Pfad der chemischen Synthese. Diese frühe Pfadwahl wurde stets als Erklärung für den weltweiten Erfolg der Branche herangezogen; ihre negativen Auswirkungen wurden dagegen nicht thematisiert. Im wesentlichen betrafen sie die Biotechnologie, deren eigene Entfaltung in Deutschland durch die Fixierung auf die Synthesechemie gehemmt wurde. Der Vortrag zeichnet den historischen Entwicklungsverlauf dieser Pfadbildung nach.



Anregungungen bitte an:
wolfschmidt@math.uni-hamburg.de
Letzte Änderung: 14. Dezember 2000

Zurück zum Anfang:

Institut für Geschichte der Naturwissenschaften, Mathematik und Technik